Pakistan, Indien, Bolivien, Kenia. Lahore, La Paz, Berlin. Hier sind Texte und Bilder von Reisen in wundervolle Länder, hohe Berge, alte Städte, viele Tassen Tee und große Gastfreundschaft. Viel Spaß beim Lesen!
Sonntag, 3. August 2008
Schon wieder die Scheiche
Fuer Suedafrika wirds vielleicht mal tatsaechlich eine Rundmail geben, dann verfasse ich erstmal alles von Hand - andere Qualitaet im Text - und therapieren muss ich mich da wohl auch nicht so sehr durchs Schreiben, ist ja nicht lang. alles weitere landet bei Dir im Postfach.
Samstag, 5. April 2008
danach und davor
Seit einer geschaetzten Wochen bin ich nun wieder daheim (heißt eigentlich bei Caspar) und natuerlich noch immer nicht richtig angekommen. "Natuerlich" deshalb, weil ich mich auch mit Haenden und Fueßen dagegen wehr, noch absichtlich mit dem Kopf wackel statt anstaendig zu nicken, was jeder als ein "ja" verstehen wuerde und jedes Nachfragen ("was meinstn jetzt damit?") ersparte. Fehlt nur noch, dass ich im Chalwar Kameez durch die Straßen gehe, aber das ist auch schon wieder so ein "Ich komme gerade frisch aus Indien". Auch mein Urdu kommt mir abhanden, rinnt mir gleichermaßen durch die Finger: Wenn nun ein Anruf aus Pak- oder Hindustan kommt (was ich daran merke, dass bei meinem Namen die Betonung auf dem ersten a liegt, das r gerollt), werd ich ganz klein, weil ich fast nichts davon verstehe und schon gar nicht sinnvolle Antworten geben kann. Die Verbindung ist aber auch verdammt schlecht! Und dann noch die Hinterkopfgedanken, was die fuer ein Geld ausgeben muessen fuer diesen Anruf.
Dabei ist Deutschland gar nicht so kalt, wie ich befuerchtet hatte. Schon gratulieren mir viele liebe Leute, dass ich 21 geworden bin (was ja nicht mein Verdienst ist) und heil wieder da. Und ich freu mich noch auf so viele Wiedersehen. Wenn das dann vorbei und gaenzlich ausgekostet ist, die Geschichten erzaehlt und wenn ich im Free mit "moechten Sie ein Bier?" begrueßt werd, dann geh ich zurueck nach Pakistan!
Und obwohl ich schon wieder gelernt wurde in Minuten, nicht in Stunden zu denken, gibt es eigentlich nichts, ueber das ich mich hier aergern muesste. Warten z.B. kann ich gerade richtig genießen. Leuten beim hin und hergehen zusehen, bekannte Gerueche (ganz toll: alte Damen Parfum) und klare Luft einatmen, pfeiffen duerfen - ja, eigentlich gibt es gar kein Warten mehr - genauso wie es keine Langeweile gibt und wenn doch, dann sind wir eben selber schuld (wie meine Großmutter zu sagen pflegte).
Was steht denn da oben von zurueck nach Pakistan? Das auf jeden Fall (wennmoeglich), aber vermutlich nicht in naechster Bälde (heißt es denn die Baelde?)... Frag lieber nicht nach meinen Plaenen! Wenn ich denn welche mit Koepfchen gemacht habe, riskiere ich vielleicht doch wieder einen Blogeintrag. Fuer jetzt mag ich nur noch danke sagen, dass Du mit Deinem Lesen meinen Worten immer wieder den ein oder andern Sinn gegeben hast und der Rest kommt ins Tagebuch.
- obwohl -
"Don't write diary, Maria! You must not read tomorrow what you've done yesterday. We are living now!"
Donnerstag, 27. März 2008
Boarding now at gate nr. 9
Nehmen wir mal Dubai, wo ich mich gerade so schoen aufhalte: Da frag ich mich nicht mehr wie vor sechs Monaten, ob das denn nun Delhi ist oder wo ich denn nun gelandet bin. Auch fallen mir keine dunklen Maenner in weissen Gewaendern mehr auf, sondern viele viele weisse Gesichter in Jeansgewaendern, die mir irgendwie so bekannt vorkommen. Ganz zu schweigen von den verschwundenen Traurigseigefuehlen, wenn ich eine Frau in Burka seh. Da hat sich ein Haufen Sympathie bei mir angesammelt in den letzten Monaten. Eigentlich wuerde ich gern mit ihnen in die kleine Flughafenmoschee gehen und ein subhan Allah, Allah hu akbar und Allham dullilah beten...
Wie schnell man aber auch aus einer Kultur gerissen werden kann, das ist wirklich unverschaemt! eben war ich noch besonders, weil weiss und gleichzeitig Pakistani. Bald denken die Leute nur was das Maedchen fuer komische Kleider anhat und warum sie bloss acca und thik hae sagt. Dann will ich wieder zuerueck! Wenn nur die Deutschen ein bisschen Indisch oder Pakistanisch waeren und nicht so verschlossen und steiff. Sich mal auf der Strasse anrufen mit "hee Bruder, wo faehrst Du hin?" oder im Bus, im Cafe, immer wie eine Familie, nicht mit dem Blick "warum sprichst Du mit mir, wir kennen uns doch gar nicht!". Wo kommt das her? die denken im Orient echt, wir sind nur "selfish". Aber ueberleg mal, Du bist in so einer Famielienkuemmerkultur aufgewachsen und dann kommt eine aus Europa und erzaehlt Dir, dass sie da ihre Eltern einfach alle in ein Heim stecken wo sich dann Aertzte und Pfleger drum sorgen sollen. Hallo, ein Artzt kann meiner Mutter doch gar nicht die Liebe geben, die sie jetzt braucht (hat Ravi darauf ganz erschuettert gesagt). Du machst das aber nicht Maria, ok? thik hae.
Die naechste Enttaeuschung fuer ihn war, dass ich so viel aufschreiben musste. "Was macht denn das fuer einen Sinn? Willst Du etwa morgen lesen, was Du gestern gemacht hast? hey, wir leben heute, hoer jetzt auf so mit deiner Denkerei!"
Ja, so verschieden ist das alles. So verschieden bin ich geworden in mir und versuch einfach nur das Lachen und "don't worry" mitzunehmen und aufzuheben. Ich glaub, das koennen wir ganz gut gebrauchen. Ich hab gehoert bei uns schneits...
Freitag, 21. März 2008
Freitag, 14. März 2008
Varanasi
Freitag, 7. März 2008
Same same but different
Als ich mit Sophia ueber die Grenze lief (ganz schoen arg mit Stacheldraht und allem), hatten wir erstmal einen Kulturschock der anderen Art: nicht die Armut oder der Muell, was uns erschrocken haette, sondern die ganze Multikultur, Auslaender in Miniroecken, dass ich gedacht habe "koennen die sich nicht richtig anziehen?". So schnell gewoehnt man sich eben an einen Zustand. Als ich die erste Frau mit Roller gesehen habe, war ich richtig froehlich und musste gleich sagen "guck mal, guck mal Sophia, da faehrt eine selbst!!" Da lachte sie nur und meinte "sag diesen Satz mal in Deutschland, Maria!"
So und Jetzt muss ich wieder zum naechsten Workshop, weil ich ja doch nichts verpassen will. Namaste ji (allah gilt hier ja nicht)
Samstag, 1. März 2008
Allah hafiz
Abschied ist etwas komisches und dauernd kommen einem Gedanken, die man für wichtig hält. Dann wieder gemischte Gefühle, geschüttelt, nicht gerührt.
Gerührt bin ich, als das Puppenspiel in der Schule fertig ist, die Schüler alle hochgucken und warten, was nun passiert, und da ich keine großen Worte mehr zu sagen hab und meine drei Urdu Sätze schon raus sind, sag ich „I am a little Teapott“, was mein absolutes Lieblingslied mit der 2. Klasse war. Und dann stehen sie alle auf, wie im Club der Toten Dichter und singen es noch einmal. Bei „lift me up and pour me out“ machen sich die Kinder ganz krumm und kichern (denn dann wird der Tee ausgeschenkt). Die Muffins sind verteilt, die in aller Eile gebastelten Papiergeschenke der Schüler in meinem Rucksack verstaut, die Puppen sind von der Bühne. Dass es so ein runder Abschied wird, hatte ich Anfang der Woche nicht geglaubt. Weniger noch vor zwei Monaten, als ich mir dachte, ich werd einfach irgendwann gehen. Und jetzt umarmen mich alle Kinder, sagen geh nicht, teacher und ich versinke in einem Meer von Armen und Händchen, schließlich auch Küsschen ins Gesicht und kann gar nichts mehr tun. Geht jetz! Bas, weg mit euch. Ich schiebe sie zur Türe raus, drück mich schnell in den Bus und winke nach hinten. Die Kinder rennen in alle Richtungen über die staubigen Straßen jeweils in ihr Dorf, lachen und winken dabei, bis ich wieder in Roshni bin, wo der Abschied von den Betreuten schon wartet.
Donnerstag, 28. Februar 2008
Pakistan tanzt doch...
Und dann war ich plötzlich wieder in Roshni. Es lief alles so, wie der Plan, den ich nach Deutscher Manier in meinem Kopf gemacht hatte und sogar die Botschafter haben mitgespielt. Erst etwas wiederwillig, aber als ich dann sagte, ich bin nur heute hier und in meinem Blick die ganze Schwierigkeit lag, die damit verbunden war, noch einmal selbst nach Islamabad zu kommen, wurden mir die Pässe schließlich ausgehändigt. Und jetzt stehen Indiens Türen offen. Über die Wagah Border werde ich am Sonntag nach Amritsar gehen um von dort mit einigen Medizinstudenten einen "Marsch" nach Delhi zu machen, wasimmer das heißen mag. Sobald ich dort das Botschaftsspiel wieder gewonnen habe, gehe ich in die Berge zu den Menschen, die keine großen Autos haben.
A. B.s Familie wollte mich am Ende gar nicht gehen lassen. Meine Schüler lassen mich nicht und in Roshni ist es jetzt auch am allerschönsten. Das ist gemein, aber das gehört dazu. So viele Orte und Menschen hier, mit denen man am liebsten mal eine unbeschränkte Zeit verbringen würde. Aber wahrscheinlich ist das genau richtig so!
Samstag, 23. Februar 2008
Jumerat rathko (Donnerstagabend)
Nein, aber für seine wöchentlichen Drumfestivals ist Lahore berühmt. Und ich machte mir schon Sorgen, dass ich hier war und doch nicht dort sein konnte in meiner ganzen Zeit. Dann sind wir also alle ins Auto gestiegen und hin zur Sher Janan Mosqe, was eigentlich einige Gräber sind, aber davon war nichts mehr zu sehen, so eng standen und saßen sie. Immerhin muss man noch die Schuhe ausziehen, wenn man auf einem Grab sitzt (und Gulzar der Fahrer weist mich gleich zurecht). Zwischen den ganzen Männern sind wir nicht nur die einzigen Weißen (Gora Gora), sondern auch die einzigen Frauen. Nach einer Weile Trommenlmusik sehe ich erst die Einheimischen Frauen, die zusammen hinter einem Gitter sitzen. Aber wir sind angreze, wir können hier bleiben - zum Preis von etlichen Blicken, Köpfedrehen bis hin zum Handykamera zücken und schließlich wieder das alte Lied „Where are you from?“. Mae eek pattan (die etwas helleren Pakistanis aus den Bergen) hun. Nei, ham pardese (Ausländer) nei hae! Auf Urdu irgendeinen Quatsch erzählen ist am lustigsten. Mit Gärtnern und Fahrern reden wir nur lachenden Unsinn. Aber das sollen wir eigentlich nicht, weil diese Leute ja kein guter Umgang sind. Ich hab schon lang kein Fußball mehr gespielt. Aber jetzt kommt ein Altsaxophon zu den beiden Trommlern und fängt ganz melancholisch an zu spielen. Die Leute rufen und singen immer wieder und nach dem traurigen Sax stellt sich einer hin und singt. Die meisten kennen seine Lieder und summen mit. Schade, ich nicht. Wenn ich nur ein bisschen grins oder so mit dem Kopf hin und her geh, gehen die Blicke wieder zu uns und wundern sich. Guck mal, sie kann lachen. Sie sagt Acca und Thike. Where are you from? Aber wir haben ja unseren Fahrer und Sahid und Jabba mit und so sind wir auch vor sämtlichen Ansprechungen sicher – bis auf einen Belgier, der froh ist Ausländer zu treffen (guck mal, die Frauen geben ihm die Hand! Ja, das macht man glaub so in Europa…). Und überall riecht es nach Gras. In der Menge tauchen immer wieder Hände auf, die fünf Tütchen auf einmal halten. Wahrscheinlich liegt die Tanzerei im Morgegrauen dann auch eher daran. Aber wir bleiben nicht so lang und wir bleiben bei Zigaretten. Morgen ist Schule, ich hab erlebt, was ich sehen musste und Lahore ist für mich mehr als erfüllt.
Das schöne daran, wenn man sich nicht so viel frei (nicht so viel frei?) bewegen kann in einem Gebiet ist, dass alles was man dort tut, ganz wertvoll wird. Oder zumindest seht besonders Jetzt müsste ich eigentlich vom Dienstag erzählen, als ich mit Matze in die Moschee gegangen bin und wir den das Mittagsgebet sehen konnten (mitmachen ging natürlich nicht). Wenn Du erlebst, wie viele Menschen so gemeinsam beten (jeden Tag und manche fünf mal) und dir denkst, was sie dabei verbindet und für was jeder einzelne beten mag (es ist bestimmt etwas gutes), dann verändert sich sich auch gleich das trockene Bild von Religion, das du dir zuvor aus Gesprächen und Schlagzeilen und „Islam verstehen“-Büchern gemacht hast.
Noch einmal können wir die Gastfreundschaft, das Interesse und die Herzlichkeit einer pakistanischen Familie erleben, als uns der Moscheeaufseher zum Essen bei sich einläd. Ich rede zunächst mit Tochter und Frau und sie will mir gleich zeigen, wie man Dal (Linsen, die es immer zu den Rotis gibt) kocht, während Matze sich mit den Jungs über Politik und Kultur unterhält. Da hab will ich dann doch zuhören und weil ich denke, sie sind eine modernere Familie, sag ich sogar was zu dem Männergespräch. Da sind sie aber doch zu sehr verwundert und so wende ich mich wieder dem Dal zu, gesellschaftskonform sozusagen (das hab ich hier erst gelernt).
Pakistan tanzt, heißt es in Deutschland, wegen der Wahlergebnisse. Ich hab jedenfalls noch keinen tanzen gesehen (heute sind wir ja auch zu früh nachhause), es ist ähnlich wie am 27 Dez oder bei dem Attentat am Anarkali Bazar. Die (in diesem Fall positive) Nachricht kommt an und das Leben geht weiter. Keine Euphorie. Aber froh sind sie doch, dass die Wahlen so verlaufen sind und dass es nicht noch mehr „Trouble“ geben muss.
Montag, 18. Februar 2008
wieder die Altstadt
Der Besuch beim Chan-bhai wird heute ausgelassen, da es schon spat ist und wir morgen früh in die Altstadt wollen. Im Motorrad-Rickscha Corso geht es quer durchs nächtliche Lahore. Ich wunder mich, wie Lukas sich hier zurrecht findet und wickel den Schal enger, sodass ich nur an roten Ampeln von einzelnen als Ausländer registriert werden kann. Den Dumatta (Kopftuch) mag ich inzwischen wirklich – wie so viele Dinge, die ich Anfangs für nichts als unpraktisch hielt.
Um halb sieben machen Helen und ich Cae um die Jungs zum Aufstehen zu bewegen. Die Sonne ist schon aufgeganngen, sagt mir eine Frau vor unserem Haus, zeigt dabei aber irgendwie nach Westen. Die Straßen füllen sich schon von Eselskarren mit Krotten und Limonen und viel zu vollgeladenen Trucks, die Zement oder Steine bringen. Vereinzelt sieht man einen Achsenbruch und die Ladung verteilt sich schön auf der Straße, dass das Rickscha-Fußgänger Chaos sich steigern kann. Da musst Du eben früher aufstehen, Maria, denk ich mir auf dem Weg in die Altstadt – immerhin ist es noch etwas neblig und die Sonnenstrahlen fallen ganz lang auf die staubige Straße. In der großen Moschee ist der Morgen am schönsten zu spüren. Hier finden wir völlige Ruhe zwischen den riesig wirkenden Kuppeln und dem kalten Steinboden (Die Schuhe werden natürlich vorher ausgezogen). Außerdem sind die Gebetsteppiche leer, sodass ich mich hinknien und 2 rakaat beten kann, wie ich es in Roshni gelernt habe. Sub han Allah, Ala hu akbar, Alham dulila. Und fühle mich fast religiös, weil ich nur gute Gedanken dabei habe. Aber was man Religös nennt ist eine andere Geschichte. Außerdem haben wir Hunger. Vor der Moschee treffen wir den Touristenführer Assif, einer von Lukas zahlreichen Freunden in der Stadt. Er bringt uns zu dem leckersten Naan ever eaten mit knochenlosem Fleisch und würzigem Dal. Dann kommt Frittiertes mit süßem Halva. Den zweiten Cae haben wir auch schon hinter uns. Pappsatt und mit vielen neuen Geschichten von Assif, der etwa 22 Sprachen kann (gelernt von Touristen, die es hier vor 9/11 noch gegeben haben soll), wie er sagt, gehen Matze, Helen, Samir und ich nun auf eigene Faust in die Altstadt.
Wiedereinmal bin ich von den Sinneseindrücken völlig weg (will eigentlich sagen geflasht). Außerdem muss ich fast nicht mehr unsicher sein, wo und wie ich gehen kann. Ich verstehe nun, was die Leute hinter mir sagen und wunder mich nicht mehr über ihre Reaktionen. Ich erschrecke nicht, wenn die Vorbeigeher von „welcome in Pakistan“ bis „I love u“ alles rüberwerfen, was sie an Englisch gelernt haben. Vorbei an den vielen How are you’s geht es in die Papierstraße, wo ich hinter den Eisentüren kleine Kinder sitzen sehe, die unsere Schulhefte falten und nähen. Ich habe noch den Maschienenölgeschmack vom Zuckerrohrsaft im Hals, den ich voher so unvorsichtig genossen habe. Kinderarbeit, oder? Die einen stellen sie her, die andern benutzen sie. Matze und ich gucken uns an. In der nächsten Stoffstraße geht unser Einkauf los. Was ich Euch alles gerne mitbringen würde! Dann sind wir auch schon wieder in einer der breiteren Essenstraßen (breit heißt, dass zwei Rickschen aneinander vorbeikönnen), in der es wieder überall nach runterhängendem Fleisch riecht. Wir fragen uns durch zum Anarkali Bazar (einer der ältesten Märkte Lahores) und ich bin schon wieder stolz auf mein Urdu (und gleichzeitig unstolz, weil ich denken muss, wie ich sprechen könnte, wenn ich mich mal regelmäßig drangesetzt hätte). Hier finde ich ein echtes Schreibwahrengeschäft, mit Dingen, die man auch im Alltag verwenden kann. Aber eigentlich habe ich den ganzen Kitsch, die Armreifen (Bangels), die gllitterstickereien und Plastikkörbe inzwischen richtig lieb gewonnen. Das ist eben auch Teil der Kultur.
Dann ein schönes Umtauscherlebnis: Ich finde denselben Schal wie eben gekauft, nur an den Enden versorgt. Samir nimmt mich zum alten Geschäft zurück, spricht mit ihnen und ich habe meine 200 Rupies wieder in der Hand. Als ich mit I’m sorry und so anfangen will, winken sie ab und sagen, ist doch selbstverständlich. Samir und ich spielen einen Rücktausch in Deutschland durch (Nein, Frau Tacker, da muss ich erstmal meinen Abteilungsleiter suchen – wieso wollen sie diesen Artickel denn zurückgeben?). Das ist lustig. Wieviel Zeit vergangen sein mag, seit wir in das Altstadtmärchen mit seinen vielen Händlern und Farben, Gewürzen und Rufen, Gerüchen und fremden Blicken eingetaucht sind? Als wir mit Assalam-bhai, einem Auto voller Sachen und einer Maria voller Bilder wieder nach Roshni kommen, denk ich mir schon extrem lange nicht mehr hier gewesen zu sein.
Außerdem wird es hier schon Sommer und ich gehe wieder Barfuß!
Freitag, 15. Februar 2008
Das lustige Botschaftsspiel
Das letzte Mal, als ich wieder dachte, das geht doch alles gar nicht, war am Dienstag, als ich in Islamabad vor der Indischen Botschaft stand mit der Botschaft, dass mein Pass nicht mehr reicht (Haltbarkeitsdatumstechnisch) für das Visum. Aber das schöne am Leben ist ja, dass die Wege, die zu gehen sind, meist ganz offensichtlich da liegen und man sich nur noch dafür entscheiden muss. Ich verstaute also meinen gesunkenen Mut in der guten Chwarcamistasche und machte einen langen Spaziergang bei Vogelgezwitscher und Sonnenschein (übrigens mein erster echter Spaziergang seit über vier Monaten, wie meine Beine später meldeten) durch das Botschaftsviertel zu den Deutschen. Mit meinem Urdu hatte ich es relativ leicht bei den Beamten, weil sie gleich begeistert waren, dass ich sie in ihrer Sprache anspreche (später merkte ich, dass sie froh waren, dass ich sie überhaupt anspreche und hatte es gar nicht mehr so leicht, weil sie dann - um länger mit mir zu schwätzen - meinten, ich könne hier nicht durch) und so war eigentlich jede Sicherheitskontrolle eine lustige Begegnung. Als ich die Tür zur Visaabteilung der Deutschen Botschaft öffnete, wurde aller Sinkemut von einer enormen Heimatswelle überspült. Ich wusste ja gar nicht, wie Deutsch ich im Grunde bin. Oder um es anders zu nennen, Wie sehr das Land, in dem ich aufgewachsen, eigentlich auch meine Familie ist. Natürlich hatte ich die Botschafterinnen und Botschafter zuvor noch nie gesehen, doch ich kannte ihre Sprache, ihre Gestik, ihre Reaktion, ihre Denkweise. Und weil mir das alles so sehr vertraut vorkam, und die Frage groß war, was ich denn hier ganz alleine täte, wurde ich richtig fröhlich. Am Abend ging ich mit einer Tasche voller Pässe aus dem Botschaftsviertel um einen davon, der bis nächstes Jahr noch hält, am nächsten Morgen den Indern zu geben. Ich kam mir vor, wie in einem dieser Spiele, wo es immer bestimmte Dinge erledigen muss, um vor der nächsten Aufgabe zu stehen. Auf diese Weise bekam ich nicht viel von Islamabad zu sehen, aber ich denke mir, es ist eben auch eine Stadt. Im Unterschied zu Lahore ist die Luft sehr viel besser, man sieht um sich herum die Vorläufer des Himalayagebirge (ist das richtig?), ein wenig mehr Ausländer (das mag an den Botschaften liegen) und etwas weniger Frauen auf den Straßen. Das Essen ist scharf und fett wie immer und die Gastfreundschaft nimmt gegen Norden sogar noch zu, sagt man sich.
Am ärgsten ist für mich wahrschienlich der Abschied von der Schule. Es ist so merkwürdig, weil ich das Gefühl habe, dass meine Umgebung, die Lehrer, die Sprache, die Mentalität, sogar die Religion, die von der Gesellschaft zum Moralrohrtstock geflochten wurde (geht das?), das „thike“ sagen und das Willenzurückschrauben, die Fröhlichkeit („why do you worry, Maria, there is nothing to worry about!“) und Herzlichkeit Teil von mir geworden sind. Inzwischen bin ich jedes meiner Kinder, bin Muqqadaz, die immer nur grinst und Sajid, der weint damit man nach ihm schaut, bin Shehbaz, der schon auf Englisch fluchen kann und Ehsan, der alles versteht aber lieber Blödsinn macht als mit. Vielleicht sollte ich eher sagen, ich find mich in jedem von ihnen wieder. Und schließlich denke ich sogar, ich möchte doch Lehrer werden, weil es so schön ist. Dann habe ich aber die Momente vergessen, als ich vor der Klasse stand und merken musste, dass niemand aufgepasst hat in den letzten fünf Minuten. Als ich innerlich die Wände hochging, weil man es ja doch persönlich nimmt, wenn einem nicht zugehört wird. Und dann von “Teacher Pencil!” zu “Teacher raise” (Eraser!! There is no raise, only the Sun raises) zu „Teacher likliah” (I have finished) bis der Kopf wehtut. Schließlich muss ich mir dann sagen, dass die Kinder ja nicht aus bösem Willen ständing durchnanderrufen und rumblödeln, sich hauen und Aufmerksamkeit wollen. Und dann hatte ich es auch schwer, zwischen Unterricht und chuti (off) zu trennen und die Kleinen liefen in manchen Stunden genauso zu mir um mich zu knuddeln, wie heute morgen vor der Schule. Da hatten sie irgendwie erfahren, dass ich nach Indien gehen werde, hingen an meinen Kleidern (dazu eignet sich Chewarcamis übrigens prima, sehr zu empfehlen!) und jammerten „nei jane, nei jane“ (geh nicht, geh nicht!). Und nun fragen sie mich jeden Tag, wann ich denn gehe und warum ich denn gehe. Was soll man denn da sagen? Noch besser ist es bei den Erwachsenen, die mit vorwurfsvoller Miene fragen, ob ich ihr Land denn nicht mag und wenn ich ihnen dann mit tiefer Verbeugung sage Pakistan sei wunderbar, dann sagen sie gut, wieso bleibst Du nicht hier, heiratest, kaufst Dir ein paar Büffel und lebst mit uns? Und das meinen sie auch so. Ich sage, ich muss erst noch studieren und viel lernen. Aber dann kommst Du doch wieder, oder? Ja, vielleicht, es ist halt auch ein bisschen weit von Deutschland nach hier! Ja? Wie weit denn? So weit eben, dass man nicht wissen kann, ob man diese Reise noch einmal macht. Dass ich auch gerne noch andere Länder dieser Erde sehen würde, wenn es mir möglich ist zu reisen, sage ich in dieser Unterhaltung besser nicht, denn mir geht es ja gut in Pakistan, wieso sollte ich woanders leben wollen?
Ich habe gehört, dass eure Schlagzeilen sich gerade ausgeschlagen haben, über dieses Land. Ich weiß auch nicht, ob es in der Politik oder bei den Leuten zur Zeit viel Veränderung gibt. Am Montag und Dienstag ist chuti wegen Wahlen aber ich habe noch niemanden getroffen, der hingeht - und ich frage beinahe jeden!
Samstag, 2. Februar 2008
Nur zu Besuch
Wir sind Mit Lukas, einem Volu aus Oesterreich (Mentalitaet ganz dementsprechend*) in Lahore unterwegs. Matze, Samir und ich, auf dem Motorrad sind das also vier. Oder zwei und die zwei andern in der Rikscha. So gehen wir seit Freitag von a nach b, schauen einen guten Film aus dem Iran, hoeren ein Sitar-Taba Konzert (traditionelle Musik) und im Anschluss ganz untraditionelle Musik an einem wiederanderen Ort, bis wir bei Hotel California sind und ich mit einem Cappuccino in der Hand (wer hat mir den eigentlich bestellt?) schon denke, das koennte auch Europa sein - oder Amerika oder woimmer.
Woran ich dann merke, dass ich doch in Pakistan bin ist, dass ich beinahe die einzige Frau im Raum bin und entsprechend ueberraschte Blicke ernte. Das ist aber auch alles. Angesprochen werde ich kaum und das ist vielleicht ganz gut so - ich habe mein Bekanntschaftsinteresse hier etwas runtergeschraubt, weil es meistens doch nur darin endet, dass man erzaehlt, wies der Familie (die der andre ja gar net kennt) geht, dass ich nicht zu Wort komme, weil der/die Gegenueber so sicher im Reden ist, oder dass ich eh ich mich verseh irgendjemandes bester Freund bin, und dass ich mir ueberlegen muss, ob ich diese Unterhaltung ueberhaupt fuehren sollte oder lieber mich umdrehn zu meinen Jungs um deren Reden folgen und meine eigenen Gedanken zu machen... So geschieht es also, dass nicht nur jeder Deutsche, den ich hier treffe irgendwie familiaer wirkt, sondern auch jeder andere Auslaender. Mit dem Australier habe ich nur ein paar Worte wechseln muessen und schon gemerkt, wie anders sich das anfuehlt, weil er es gewohnt ist, mit Frauen, mit Reisenden, mit jedem eben zu reden. Zuhoeren. Aber darin kann ich mich ja nun ueben. Und dann (wenn man das kann) werden auch die Gespraeche mit den Einheimischen superinteressant. So waren wir gestern beim Chan-bhai (Talat Bilal Achmet Khan oder so mit ganzem Namen, aber jeder kennt ihn als den Mondbruder) zuhause und haben lange Saetze ueber Das Pakistanische Volk, seine Geschichte, die Gruende fuer den Hass auf bestimmte Gruppen usw usf gehoert, was ich hier nicht ausfuehren moechte, weil das spannende wieder nicht blogtauglich ist (wir koennen ja mal telephonieren). Aber das war wirklich jemand, der hier leibt und lebt. Chan-Bhai hat um die Ecke einen Laden und ist also einer der vielen Shopkeeper, die ich sonst im Vorbeifahren an der Strasse sitzen sehe und mich frage, was fuer ein Leben dahinter ist. Jetzt habe ich immerhin eine kleine Idee davon. Auch, weil ich lange mit seinen Frauen gequatscht habe. Nicht, dass er mehrere Frauen haette - das weiss ich nicht, aber wegen der Bharda (Abstand von den Maennern) waren Frau und Mutter und Oma und Tochter und Hausmaedchen und und und im hinteren Teil des Hauses versammelt, welchen unsre drei Jungs nun nicht betreten durften. Aber ich darf doch, oder? Ja, endlichmal was, was ich darf eben weil ich Frau bin! Und obwohl es wieder die anderen waren, die mich unterhalten haben (dabei bin ich glaube ich gar nicht redefaul oder so) und sich die Frauen ironischerweise noch bedankt haben, dass ich ihnen von meiner Kultur und meinem Leben so viel ins Haus gebracht habe (wo ich doch gar net dazu kam), war ich wirklich geruehrt und habe mich nach laengerhierbleiben gefuehlt - zumal die 18 Monate alte Tochter mich ganz strickt dazu angehalten hat (deutet auf den Stuhl, und sagt ich solle mich bitteschoen wieder setzen). Und dann das Hausmaedchen Muqqadaz vom Dorf, die den guten Tee gemacht hat und mit mir Tiddeli hun mae Tiddeli hun gesagt hat, was ein wirklich suesses Gedicht aus der Schule ist. Schliesslich hat sie mich umarmt (in der Kueche, wo es die anderen nicht gesehen haben), die alten Frauen haben mir ihren Segen gegeben Und die Jungs im Vorderzimmer mein Abendessen, Naan und Kabab was scharf aber echt gut ist.
Und nun sind die Konzerte vorbei, wir sind bei einem eher reichen und gut englischsprechenden weilinUSAundAfrikaaufgewachsenen Freund von Lukas gelandet, haben heute wieder eine Menge verschiedener Caes getrunken und sind dementsprechend muede. Dabei glaube ich, es sind eher die Erlebnisse, dei Muede machen. Muede und wach. Und schreibfreudig.
*bist Du hier eigentlich reise- oder krankenversichert oder so? - ja, ich hab da was, weiss aber nicht so genau wofuer, ist irgendwie Berufsrisiko!
Samstag, 26. Januar 2008
Bloggeschichten
Dienstag, 22. Januar 2008
Neues aus dem Pizzahut
Dass wir Deutschen es immer schwerer haben, am öffentlichen Leben teil zu nehmen, lässt sich natürlich auf die Situation im Land zurückführen, die immer was neues bereit hat, wenn gerade wieder ein Plan entstanden ist, wie wir etwas von Pakistan sehen könnten. Aber da man sagen kann, die Lage ist ernst (so steht es schließlich auch in den Medien), ist es wirklich vernünftiger, daheim zu bleiben (was sagt Tocotronic nochmal zur Vernunft?!).
Angesichts des ganzen Attentatblödsinns kann ich es keinem der Menschen hier verdenken, wenn er ein riesen Misstrauen hat gegenüber allem was außerhalb seiner zehn Wände abläuft. Wählen geht deshalb auch keiner, mit dem ich bisher gesprochen hab. „There is no party worth to vote for“, sagen sie. Und schämen sich für ihr eigenes Volk…
Leider bekomme ich diese Gespräche hauptsächlich dadurch mit, dass ich eben doch ab und an mit anderen Leuten spreche - z.b. meine Freundin Anum in der Stadt besuche. Das war letztes Wochenende und was ich eigentlich schreiben wollte. Vom Pizzahut, dem einzigen Restaurant, in dem sie sich sicher fühlt mit mir, von Ihrer Radiosendungsschwester und der Kullum Kalli Show, in welcher ich 2 Stunden der tolle Deutsche Gast war und in welcher meine Lieblingsfrage immer wieder kam: „How do you feel in Pakistan?“. Vom Gol Gappey essen und Passfotos machen, von ihrem Mädchen College und wie am Abend alles wieder im Pizzahut endete, wo wir schließlich in Sicherheit waren.
Aber das ist ja nun vorbei, eine weitere Schulwoche ist vergangen und die erste Klasse ist nach wie vor nicht unter Kontrolle ihrer neuen Lehrerin (Anum ist in die Stadt gezogen und kann nicht mehr unterrichten)t. Meine ganze Laune hängt davon ab, wie effektiv, wie ruhig der Unterricht war und meine freie Zeit verbringe ich mit Heftarbeit für die erste. Oder mit Gitarre und unseren Betreuten, für die Helen ja nicht allein die Verantwortung übernehmen soll. Außerdem bin ich jetzt die Ziegenmama und wannimmer etwas mit den kleinen „Lellys“ ist, holt mich der Nachtwächter (ein großer fast unheimlicher Patane mit einem Revolver) und sagt mir mit unserer Zeichensprache, was ich tun soll. Gestern wollte er, dass ich Feuer mach für das Neugeborene. Sag ich, er kann doch selber Feuer machen. Sagt er nein nein, dazu braucht es zwei Leute. Alles klar! Und als ich es zu seiner echten Mama bring um es trinken zu lassen, sag ich es braucht zwei Leuts, damit einer die Ziege festhalten kann. Sagt er nein, ich soll weggehen, dann kann der Fahrer sich drum kümmern. Ich bleibe, um zu sehen, wie es trinkt und mache wahrscheinlich wieder einen Kulturfehler mit diesen Leuten in einem Raum zu sein. Wie beim Fußball ohne Dubata. Aber ich möchte ja auch mitmachen bei dem Leben hier – das hab ich erst gestern wieder gemerkt, als wir zu Besuch bei der Familie eines anderen Fahrers auf dem Dorf waren. Da warn die Kinder barfuß und haben uns ihre Tiere gezeigt und wie üblich die ganze Familie. Da wurden die Rotis überm Feuer gebacken und auf dem Boden gegessen. Und bei jedem kleinsten Feuerdraußengeruch spielen sich in mir lauter 4 oder 5d Filme meiner Artabanfahrten ab - weißt Du, was ich mein?
Ich werde nun Anfang März nach Indien gehen (wenn ich bis dahin, insh Allah, das Visum bekomme) um dort noch etwa drei Wochen reisen zu können – Eigenverantwortung und so. Das ist mit Sicherheit schade für meine Arbeit hier, aber es muss glaub so sein (diese Würfel sind schon seit einer Weile gefallen). Vielleicht kann ich von dort aus auch reflektieren, was ich hier gemacht habe und warum und wie und was es mit mir gemacht hat. Oder eben in Deutschland - hier gelingt es mir nicht ganz, mir auf die Finger zu schauen. Im Prinzip würde ich auch gerne festhalten, was ich alles gearbeitet habe mit den Schülern, Unterrichtsübergabe und Praktikumsbericht, aber diese Worte klingen hier merkwürdig fremd. Zu Deutsch vielleicht.
Donnerstag, 10. Januar 2008
Und ständig betet der Lautsprecher
Ich habe gehört, dass die Gebete auf Arabisch sind. Dann bin ich zumindest nicht die Einzige, die nicht versteht, was da gesagt wird! Die Baustelle vor meinem Fenster ist eine Moschee geworden. Wir warten jetzt auf die Mikrophone (weil unsere Bitte, diese nicht anzubringen, vermutlich in den Wind oder in ein Lachen umgeschlagen wurde), während ich auf einen guten Nachrichtendienst warte, der mir sagen kann, wo wann was passiert ist und weshalb…
Inzwischen unterrichte ich auch die erste Klasse in Englisch. So ist der Vormittag für mich recht rund geworden: Ein Satz ins Heft mit der 3. Klasse (11 h), mit der 2. ein Wort (12 h) und mit den Erstklässlern den nächste Buchstaben im ABC (12:45 h). Dann bis Schulschluss (13:30 h) wie auch im Hautunterricht Schönschreiben mit den "weaker students", Khana kane, Leben mit den Betreuten, Homelessons, Fußball (jetzt sogar schon Volleyball), Khana kane - im rotibacken mache ich mich auch schon ganz gut - und der Abend wird schließlich den Broten gewidmet...
Samstag, 5. Januar 2008
Wissenslücken
Die Gespräche sind immer wieder offener, als ich erwartet hätte. Manchmal überrumpelt es mich, wie sich Vorurteile und klischees bestätigen, manchmal bin ich fröhlich, eine eigene Wahrheit rausfinden, erfragen, erraten zu können. Da dieser Blog auch einen Teil des öffentlichen Lebens darstellt, ist es euch leider nicht vergönnt meine ganze Meinung hier zu finden. Und mir nicht, so locker flockig alles runterzuschreiben wie zu Beginn. Die Zeit fliegt wieder über alles weq. Haben wir denn schon 2008? Werde ich 21, wenn ich wieder in Deutschland bin? Habe ich später eine Lücke im Lebenslauf...
Montag, 31. Dezember 2007
Wasep (Rückkehr)
Unser Zug hat gerade etwa ein Viertel der Strecke von Lahore nach Karachi zurückgelegt, als uns die Nachricht vom Tod der Oppositionsführerin und soundsoviel anderen erreicht. Die Leute im Zug bewegen sich langsam, stehen auf, Telefonieren – und wirken relativ emotionslos. Uns raten sie, nicht nach Karachi weiterzufahren, überhaupt nicht in den Sindh zu fahren, weil dies ja das Gebiet ihrer Heimat sei, weil das Volk einen Hass auf die Regierung, Hass auf Amerika habe und da alle Weißen für sie „Angreze“ sind und Angreze gleich wieder Amerikaner, sei es für uns schon unsicherer, als für die Einheimischen. Es ist schwer, klare Antworten zu bekommen. Die einen meinen, das Attentat sei in Karachi gewesen, nicht in Rawalpindi. Im Punjab, in Lahore seien wir jedenfalls einigermaßen sicher. Dann häufen sich die Nachrichten von außen, man sagt sich, jetzt geht es in allen Städten rund und die Pakistanis selbst organisieren sich auch schon eine andere Bleibe als Karachi, Handys klingeln wieder.
Der Zug fährt, erfahren wir später, auch gar nicht weiter nach Karachi, sondern kehrt nach Lahore zurück. als er schließlich in Khanewal hält (ich hör überall nur Karneval), steht sofort ein Mann vor uns (wieauchimmer er uns so schnell im Zug gefunden hat), uns abzuholen. Plötzlich sind wir in einem Krankenwagen, weil das sicherer ist, als zivil zu fahren. Es sind irgendwie etliche Menschen daran beteiligt, uns in dieser Nacht wieder nach Lahore zu bekommen. Aber ich will keine Geschichten erzählen, da komm ich mir komisch vor, angesichts der Dinge, die in dem Land passieren und mir nicht ganz greifbar sind. Nur kurz sagen, dass ich wieder in hier bin und vorerst auch bleiben werde, bleiben muss (und somit auch den geplanten Abstand von Roshni nicht habe um mit neuen Ideen und allem was dazugehört wiederzukommen).
Wann ist man eigentlich in Gefahr? Die Leute um uns sind alle so friedlich und freundlich und ich schaffs nach wie vor nicht, mir die Bösen darunter vorzustellen. Auch von der Religion her geht das eigentlich gar nicht klar. Von der Politik wisst ihr wahrscheinlich wieder mehr als ich!
Als wir z.B. in besagter Nacht morgens um 3 Station machen bei den Leuten, die uns holen und bringen (und schließlich um diese Uhrzeit noch was kochen, woraufhin ich wirklich nicht mehr weiß, was sagen – obwohl Englisch gesprochen wird), versuche ich vergeblich etwas über die Situation zu erfahren: vor dem Fernseher wird wie gewohnt von Sender zu Sender gezappt und als ich ganz entschlossen sage ich würde jetzt doch gerne mal „News“ gucken, bekomme ich nur einige Minuten, einige Satzfetzen und ähnliche Informationen wie schon zuvor mit – bevor wieder Kricket geguckt wird.
Mittwoch, 26. Dezember 2007
mehr Geschichten!
Hotennuuu. Soweit ich verstanden habe, hat er seine Familie dort unten - meine Tasche füllt sich gerade mit Adressen, die mir in Karachi weiterhelfen wollen. Aber keine Sorge, ich geh nicht allein! Matze und Helen sind dabei (obwohl uns Volus eigentlich auch Abstand voneinander guttun würde) und Das Zugunglück kürzlich war in der Gegenrichtung. Außerdem sind in Deutschland auch schon Züge entgleist!
Was ich eigentlich sagen will ist, dass wahrscheinlich einige Tage Ruhe in meinen Blog einkehren wird, bis ich ihn wieder aufmischen kann mit gemischten Eindrücken der kommenden Woche - falls mich der Schulalltag nicht gleich wieder einnimmt und nach all meiner Kreativität verlangt, mit der ich sonst gern die Worte neu zusammenstellen würde um Euch ein Bild zu vermitteln. Wenn dem so sein sollte, dann nehmt Euch ein Buch mit Erzählungen aus dem Orient und stellt euch die Figuren einfach vor, die hier ganz selbstverständlich über die Straße schlurfen in ihren weißen Tüchern und Turbänern, mit einem Zuckerrohr zwischen den Zähnen ab und zu in den Sand spuckend, oder auf dem Farrad so arg bepackt, dass man meint sie schaffen die nächste Kurve nicht. Aber sie schaffen alles, die Männer hier und es ist völlig normal, nur ich frag mich, wo die alle immer hinwuseln mit ihren vielen Sachen, die sie tragen, mit 5 Kindern und Frau auf dem Motorrad. Wo sind die Frauen überhaupt die ganze Zeit? Und dann wieder ein Kamel (So es das Eid-Fest überlebt hat), eine Tasse heißen Cae, ein Gespräch bei dem hauptsächlich Verwunderung und wiedergutmachendes Lächeln rumkommt, Hand schütteln und Hand nicht schütteln und sie wünschen mir Merry Christmas und manche sind dabei ganz stolz, "auch" Christ zu sein. Mit diesen waren wir gestern in einer echten Kirche. Aber das ist eine andere Geschichte, die von Kitsch und Glauben handeln müsste und schließlich wieder von Verwunderung. Ich lass sie also aus - ebenso wie die vom Din-A4 Fahrkartenkauf und die von der prunkvollen Hochzeit unseres reichen Nachbarsohnes (welche durch das Auftreten einer Rockband vor all den gesetzten Verwandten - hier der Frauentisch da der Männertisch - wirklich interessant, nein sogar sehr spaßig wurde) oder die vom Weihnachtslieder und Nichtweihnachtslieder singen, wie hier die Kulturen aufeinanderprasseln und wie sich die Unterschiede schließlich doch bei langem langem Reden am Feuer verarbeiten lassen.
Je nach Internet- und Zeithabbedingung in Karachi gibt es dann also in etwa einer Woche wieder neues von mir im Wunderland. Genießt den Schnee - so ihr welchen habt - und besten Dank natürlich an alle Schokoladenschicker!
Freitag, 21. Dezember 2007
Das große Schlachten
Donnerstag, 20. Dezember 2007
am Kaminfeuer zu lesen
Einmal mehr in einen Traum gefallen. Schnell schreiben, bevor mir alles abhanden kommt.
Ich hatte doch von den Gärtnern erzählt, von den Ungebildeten, und von den Villagers. Nach dem Fußball also gehen Matze und ich wie gewohnt joggen. Ich brauche einfach dieses bisschen Bewegung am Tag. Und der Gärtner auch, deshalb joggt er jetzt immer mit.
Meri ghar jãnã? (to my house?), ich mag eigentlich nicht, bloß weil ich eine alleine Frau und er ein mir im Prinzip unbekannter Mann ist, denken müssen, dass er mir doof kommen könnte (obwohl das hier so ist, wie man mir sagt), aber wir haben auch Farooq den Betreuten bei mir und ich bin nicht sicher, ob das ok ist. Ich sagte kal (morgen). Heute ist also besagtes Morgen und wir (jetzt Matthias, Manner – so heißt der jüngste Gärtner – und ich) befinden uns wieder am Dorfeingang. Meri ghar? Acca (gut), calo ji. Und schon sind wir durch einen Torbogen, über Lehmboden, Mäuerchen und wieder Tobögen in eines der niedrigen Zimmer gelangt, die man sonst nur durch einen Türspalt von der Straße her sehen kann. Wir sollen uns setzen (bait jao!), von einem der umherstehenden Betten (chapoi) werden die Kinder verscheucht, welche nun Alarm schlagen sodass die Nachbarskinder gelaufen kommen um einen Blick auf die Fremden zu erhaschen, einmal schüchtern meine Hand zu schütteln. Der Cãe wird vorbereitet. Ich frage, ob diese Kinder Manners Geschwister sind. Nein, lacht er, bacche chachi haen. Acca, wir sind also erst im Haus seiner Tante. Der Cãe ist fertig, ob wir denn auch etwas essen wollen? Nein, bohot shukryia, wir essen in Roshni. Einer der Jungs kann etwas Englisch und übersetzt ein paar Worte. Durch eine kleine Tür kommen wir in die nächste Wohnung.
Wo soll ich stehen im Raum? Nein danke, kein Tee, wir hatten gerade! Wie begrüße ich die Menschen, wie zeige ich Respekt vor dem Alten an dem wir uns vorbeiquetschen müssen, bevor wir uns setzten? Ich senke meinen Kopf. Er legt mir die Hand auf die Stirn. Das habe ich hier schon öfters gesehen. Die alten Frauen geben mir beide Hände, ich ihnen die Rechte. Den Männern eine zum Herz geführte Geste mit der Hand, der Blick wird gesenkt, wir sind schließlich auf dem Dorf! Die Frauen sind etwas stürmisch und wollen mich gar nicht mehr gehen lassen, Fragen über Fragen. Nein, ich habe noch keine Kinder! Erst jetzt erkenne ich Adnan, einen meiner Drittklässler, der ganz still auf dem anderen Bett sitzt. Ich lach ihn an und sage der Familie, dass er schon tori tori (wenig wenig) Englisch spricht (was er am nächsten Tag stolz in der Schule erzählt).
Im nächsten Haus wird Matthias eine Wasserpfeife angeboten, an der auch ich ziehe. Das ist hier eigentlich Sache der alten Männer, die mit ihren hennagefärbten Bärten und elegant gewickelten Tüchern um den Kopf tagein tagaus auf ihrem Chapoi sitzen. Ich möchte wissen, wie das schmeckt und was da drinn ist, das hier ist meine einige Chance vielleicht. Lachen. Wasser, sagen sie mir (pani). Es kratzt im Hals. Was ist oben drinn, frage ich. Agh (Feuer). Ich habe das Gefühl, eine Shisha ohne Geschmack zu rauchen. Was ist dazwischen? Chini (Zucker). Kya? Ja, Zucker, das was wir auch in den Cãe tun. Was noch? Tabak. Acca ji. Die Kinder kichern. Or (mehr)? Bas, das ist alles. Manner ist schon wieder aufgestanden, es geht weiter. Ich merke wieder einmal, wie tolerant die Menschen uns gegenüber sind, all meine Unpässlichkeiten werden mit einem Grinsen verziehen.
Draußen unter der Treppe brennt ein Feuer, eine Frau macht darauf Rooties und will mit gleich einen geben. Nein danke, ich esse in Roshni. Cãe? Auch nicht, ich muss weiter. Bleib! schau Dir doch unsere Ziegenbabys an! Acca ji. Eins liegt in der Ecke neben dem Feuer, eins unter dem Bett. Aber in der Nacht darf es nach oben zu den Kindern und der Chachi. Hier brauche ich eine Weile, bis ich verstehe, was die Frau mir sagen will. Die Ziege heißt Lelli. Lelli kann eigentlich froh sein, denk ich mir, die wenigsten Tiere im Dorf haben einen Namen.
Manner ruft, ich springe übers Mäuerchen,ernte verwunderte Blicke und bin in seinem Haus. Hier ist es sauberer als in den anderen Zimmern dieses Dorfes, wo ja ein Haus ins andere übergeht. Man munkelt, dass Manner Land besitzt und das bedeutet hier sehr viel. Hinter dem Türbogen steht sein Bruder Ehsan - einer meiner frechsten Schüler. In letzter Zeit habe ich ihn aber sehr lieb gewonnen. Ob das daran liegt, dass er Manners Bruder ist und dieser schnell rennen und mir Bambus schneiden kann, oder weil der Junge als einziger in der Klasse die Uhrzeit wusste, als ich die Zeiger auf viertel vor drei gestellt hatte (no, it’s not quarter past three!).
Wir sind wieder draußen, auch diesmal kein Cãe – wo kämmen wir denn da hin? Außerdem ist gerade Stromausfall und Manner muss das Notlicht holen. Wir wechseln die Straßenseite. 20 Kinder wechseln die Straßenseite. Pferdekutschen halten an, „angrezi angrezi“ hör ich jemanden rufen. Aber wir sind doch keine Engländer! Maria, ither ao! Oh, noch mehr Besuche. Kopf einziehen. Ich finde mich vor einer müden Frau wieder, die - ein Kind im arm - auf ihrem Bett liegt. Ist es ein paar Wochen (hafta) alt? Monate? Nei, hafta nahin, tin din! Was? Drei Tage? Ich senke die Stimme und komm mir plötzlich dumm vor, dass dem Kleinen das Neonlicht ins Gesicht scheinen muss wegen uns. Wir gehen wieder. Im Hof stehen Kühe und Manner zeigt uns das Futter, was sie brauchen um Milch zu geben. Ja, das kenn ich, Kühe gibt es in Jermani auch. Aber das hier ist die Milch, die wir in Roshni immer trinken. Acca, das wusst ich nicht. Und wusste auch nicht, dass ich mit meinem bisschen Urdu soweit kommen kann wie heute. Mit Händen, Füßen, mit Lächeln und Kopf senken, mit jungen und alten Leuten – nur mit den Männern nicht (Wie war noch mal der Name deiner Frau? Und sie unterrichtet Englisch?) Während die Frauen mir so viel sagen wollen, dass meine Sprach- und Mimikkapazitäten völlig überfordert sind. Wir sind wieder am Dorfausgang. Über uns hängt ein Banner, das ich genäht habe, auf dem die Eröffnung des Roshni-Shops angekündigt wird (zum Verkauf der in den Workshops produzierten Spielsachen und dass einige Betreute dort arbeiten und Kontakt mit den Villagers aufnehmen können). Was für ein Bild haben die Leute hier von Roshni? Wahrscheinlich wissen sie davon ebenso wenig wie ich vom Alltag meiner Schüler. Roshni, ein Ort wo wohlhabende Fremde ein und ausgehen, sich um „spezial people“ kümmern und in der Schule arbeiten. Die Schule kennen natürlich manche der Dorfkinder. Deren Mütter sehe ich heute jedoch zum ersten Mal. Und sie mich: Eine kleine weiße Frau, die in ihr Haus reinspaziert, rausspaziert und versucht recht höflich und herzlich zu sein. Außerdem hat sie heute, weil sie ja gejoggt ist, keinen Schal an (der doch zur sittlichen Kleidung gehört). Koi bath nahin (doesn’t matter) sagt Manner und lacht, schließlich bin ich ja ein foreigner.
Samstag, 15. Dezember 2007
wieso Deutschland?
Hab viel mit Schule und Unterricht zu tun, bin eigentlich rund um die Uhr irgendwo in Roshni eingespannt, welches aber ein weniger brennendes Thema ist, weil es läuft... Brennt mir denn überhaupt was – ich habe lange nicht geschrieben? Meine Zweifeleien sind nochimmer nicht besser geworden. Und überleg mir öfter, ob das was ich tu Sinn macht, anstatt einfach etwas sinn-volles zu tun. Mein Visum für Pakistan wurde bis 21. April verlängert und der Botschafter wollt meine Fragen nicht anhören. Dann eben kein multiple Entry. Manchmal kommt man sich hier als Frau schon dumm vor (Und wenn man Mukhtar May liest und die überspitzte Version davon vor sich hat, kann man auch zornig werden). Auf der anderen Seite werden wir aber auch mit viel Respekt und Rücksicht behandelt...
Interessanter noch als Frausein ist aber das Ausländer sein hier. Als ich am Wochenende mit Philipp aufs Land raus gefahren bin, zu den Lehmhütten und Kamelen von Faisalabad, da war ich wieder der Fremde Mensch aus dem Westen – für die Leute dort vielleicht einer aus den Werbetafeln, aus dem Fernsehen, zum erstenmal „in echt“. Am eindrucksvollsten sind dann immer die Kinderblicke, weil sie nichts verbergen. Ich glaube manche waren wirklich erschrocken.
Im Bus nach Lahore zurück sagte meine Sitznachbarin (denn natürlich sitzt hier wieder Frau neben Frau) „You’re the first interesting person I met in this bus since three years!“ Hm, schade – sind die anderen Menschen in dem Bus denn nicht interessant? Doch doch, meint sie rasch, aber die seien ja alle nur von hier. Es folgt ein Gespräch über Gott und die Welt und schließlich doch wieder über Gott, bis sie versucht, mich zu bekehren. Denn der Islam gäbe auf alles eine Antwort und ich bräuchte eigentlich gar nicht mehr zu suchen. Ich such aber doch so gerne (haha, s.o.)! Ob sie sich denn vorstellen könnte, Christ zu werden? No way! Und weshalb soll ich Moslem werden? „’Cause we’re right!“ Welcher Mensch kann denn sagen, dass er Recht hat? Aber ich denke mir, dass sie nur eine Vertreterin dieser Religion ist und dass hier nicht jeder „Ihr werdet schon noch sehen“ denkt, wenn er es mit Christen oder anderen zu tun hat. Bin ich denn Christ? Wie oft ich hier vor diese Frage geworfen werde. Und nie gebe ich eine zufrieden stellende Antwort. Zunächst einmal bin ich Maria. Eine weitere Definition meiner selbst ist mir noch nicht gelungen. Bisher hab ich’s soweit auch nicht kommen lassen wollen.
Wir steigen aus dem Bus und verlieren uns aus den Augen. Das Versprechen, sie daheim zu besuchen, kann ich vermutlich nicht einlösen. Ich gebe es trotzdem – es gehört irgendwie doch zur guten Sitte (und wie würde sich denn ein Deutsches „Ich kann noch nicht sagen, wie mein Plan für die nächsten Wochen aussieht“ anhören?). Assalam unser Driver wartet schon auf mich, ich bin wieder in „sicheren Händen“ – schade eigentlich, dass die Selbstständigkeit immer nur so kurz währt hier. Bis zur Straße vor und nicht weiter. Und nicht alleine und nicht Nachts. Das ist zu gefährlich. Hier lauern Diebe und anderes Gesindel, sagt man sich. Wie naiv muss ich sein, die Dinge erst zu glauben, wenn ich sie erfahren habe? Trotzdem kann ich nicht anders. Wieso soll man denn als Frau nicht alleine einkaufen gehen können? Aber ich kam her, um die Kultur kennenzulernen und nun lern ich sie eben kennen und es ist auch nicht meine Art, mich quer zu stellen und zu sagen „Ich will aber!“. Naja, so häppchenweise bring ich das schon. Und sehe, dass ich doch den public bus benutzen kann ohne Mann. Mein Urdu reicht auch schon so weit, dass ich den neugierigen Frauen (die diesmal durch eine massive Eisentür von den Männern getrennt sind) erklären kann, was ich tu und wo ich lebe. Doch wo die Sprache ausreicht, stellt sich wieder die andere Denke in den Weg. Wieso ich denn kein Geld für die Arbeit verlange, ob ich in Deutschland keinen Job gefunden hätte, warum meine Familie nicht mitgekommen ist, wieder ob ich verheiratet bin, wie viele Kinder ich denn habe, ob ich Moslem bin, weil ich ja Shewarcamis trage? Ich merke, dass es mich anstrengt, den Leuten immer offen und mit einem Lächeln zu begegnen (In der Kurzversion bin ich dann Christ und verheiratet und als Deutschlehrerin hier). Aber ich muss mich an die Botschafterrolle erinnern und schließlich können die Frauen im Bus ja auch nicht wissen, dass ich gestern ebendieselben Fragen mit ebendemselben Lächeln beantwortet habe und mein Interesse an dieser Art von Unterhaltung stetig sinkt.
Und sie können nicht wissen , wie das Leben in Deutschland ist. Und wollen trotzdem alle mal nach jermani - woher kommt das? Für mich ist es natürlich ein prima Lebensraum und ich möchte auf Dauer vermutlich auch gar nicht woandershin. Aber dass hier einer sein jahrelang Erspartes (denn wie viel Geld das für diese Menschen sein muss, steht in keinem Vergleich zu uns) in den Flug verpufft um dann ein zwei Wochen oder Monate in Berlin oder Frankfurt zu leben, Europa zu sehen, vielleicht noch von schlecht frisierten Menschen als Ausländer doof behandelt zu werden – das will mir nicht in den Kopf. Es wird sich keine Traube von hilfsbereiten Menschen um ihn schaaren, wenn er allein an einer Straßenkreuzung einen U-Bahn Plan zu lesen versucht, es wird ihn keiner in sein Haus bitten oder mit einem heißen Tee auf die Straße herauskommen. Ich will damit nicht sagen, dass die Menschen hier oder da besser seien – es ist eben nur eine so andere Mentalität und ich denke mir ein Pakistani hätte mehr davon, mal nach Indien rüberzugucken und mit Hindus zu sprechen, auf gute Nachbarschaft trinken (das wär was!). Oder eben runter ans Meer (denn ein Indienvisum ist leider nicht allzu einfach für Pakistanis) oder hoch in die Berge; Ich glaube dieses Land birgt Wunder und viele der Menschen, die ich getroffen habe, kennen nur ihre eigene Stadt. Und dann ihren Traum einmal nach Deutschland zu gehen.
Sonntag, 2. Dezember 2007
aufgeräumt
Daheim habe ich mich heute morgen schon wieder gefühlt, als Helen Plätzchen gebacken hatte (ist doch 1. Advent, ne?) und echter Kaffee in meiner Tasse war. Verrückt, was für Bilder und Erinnerungen so ein bekannter Geschmack hervorrufen kann. Aber ich mag auch neue Geschmäcker. Manche jedenfalls. Gestern habe ich ein zähes verwürztes Hühnchen gegessen und überlegt, ob ich Vegetarier werde. Das überlege ich hier etwa dreimal am Tag. Auf den Straßen hängen die halben Ziegen und Rinder vor den Läden. Ihre Köpfe liegen rum, daneben die Füße – schön gebündelt wie Karotten oder Radieschen auf dem Markt. Wenn ich in den Kochtopf gucke, kann ich darin kein Fleisch erkennen, sondern Knochen, Fett und Fellreste. Magen und Gehirn sollen ganz vorzüglich schmecken, sagt man mir. Ich frag schon nicht mehr nach, was wir da gerade essen. Essen sollte ich überhaupt weniger – das steht in keinem Verhältnis mehr zu dem, wie ich mich bewege oder was ich schaffe am Tag. Manchmal kommt es vor, dass ich nach dem Fußball (inzwischen auch mit allen Gärtnern und Fahrern und Nachtwächtern, mit Hinundherpassen und Corner und Aus) noch joggen gehe, soweit ich eben kann ohne Gefahr zu laufen, dass mich jemand aus dem Dorf sieht und gefangen nimmt. Dann merk ich erst die Kraft in mir, und möchte die ganze Nacht weiterlaufen und auf Berge klettern und in Flüsse springen. Aber das schrieb ich ja schon. Klar sind die Gewässer – so es sie denn gibt – ohnehin nicht. In die Berge kann ich vielleicht wenn wir Ferien haben. Aber das weiß man hier nie. Verplant. Ich möchte eigentlich nicht verplant sagen – das ist doch wieder ein ewiges Urteilen über die ganze Kultur und über die Rolle der Frau und über die Handhabung der Religion.
Handhabung ist ein lustiges Wort dafür. Es ist nämlich ganz oft so, dass ich im Gespräch erfahre, sie (manchmal auch er) schämt sich, dass sie nicht streng nach dem Koran lebt. z.B. doch gerne mal daran denkt, mit einem Mann zusammen zu sein oder sogar die Hand eines solchen gehalten hat. Und auf den Straßen gehen die Männer dann Arm in Arm und Hand in Hand – es hat eben doch jeder Mensch ein natürliches Bedürfnis nach Nähe, woher und wozu diese oktroyierte Geschlechtertrennung?? Ja, sagt man mir dann, und bei euch haben alle Frauen in deinem Alter Kinder – unverheiratet. Das ist nicht ganz wahr, versuch ich mich zu verteidigen, und hier haben sie doch noch früher Kinder. Dafür trennen sich eure Paare immer wieder. Ja, manche schon. Wieso ich denn nicht heiraten will, wenn ich meinen Freund doch liebe. Heiraten, jetzt?
Mich beschleicht wieder einmal das Gefühl, von unserer Kultur, von meiner Religion mehr angetan zu sein. Dabei hat alles seine Plusse und Minüsse (ist es z.B. nicht so, dass die Menschen hier einfach fröhlicher sind im Ganzen?)! Ich arbeite weiter an einem neutralen Standpunkt! Vielleicht pendelt es sich aber auch nicht ein…
(bitte um Korrektur bei Mhz von Plus und Minus)
Freitag, 30. November 2007
Zeit zum Schreiben
Aber Maria, wenns dir nich gut geht hier, dann geh! Sagt Matthias heute morgen in der Schule. Watt?? Gehen? Daran habe ich kaum gedacht zur Zeit. Ans Unglücklichsein schon. Oder unzufrieden zumindest – denn Unglück muss, wie gesagt, einen anderen Rahmen haben. Ich bin müde. Bewege mich kaum den ganzen Tag – weil das keiner hier tut. Ich lehne mich zurück, werde passiv und es ist, als läge ein Schleier über dem Land und dem Volk. Wie der Nebel am Morgen. So ziehe ich mich auch innerlich zurück, beobachte die Dinge, kommentiere und beurteile sie - in meinem Kopf - wie das mit den Gästen, stelle Fehler fest und fühle mich so klug dabei. Aber agiere nicht. Und mache damit selbst den Fehler. Andere wissen es vielleicht nicht besser, machen nicht alles richtig übergehen und übersehen so manches – aber sie machen es! Das ist es. Das ist vielleicht auch schon das ganze Wahre, was ich immer suche – einfach nur tun. Nicht glauben Missverständnisse zu verstehen und Fehler aufzudecken mit dem eigenen Denken. Und immer nur darin im Kreis gedreht.
Das nagt etwas an mir. Aber es ist ja auch Herbst und Zeit zum Traurigsein. Nur dass mir mein Traurigsein etwas aus dem Boden gestampft vorkommt. Die Sonne scheint hier auf mich und die Kinder rufen meinen Namen (und ich weiß doch schon viele von ihren). Die anderen Lehrerinnen kommen noch später als ich zum Unterricht. Und während ich mit mir unzufrieden bin, weil ich nur das Nötigste vorbereite sind andere mit sich im reinen wenn sie in ihrem Unterricht ihr Motorrad reparieren oder ihre zehn Kinder wickeln (das kommt in der anderen Dorfschule vor). Ich verstehe immer mehr Urdu. Mein Platz in Roshni hat sich nun gefunden und ich bin nicht mehr abgelenkt davon, alles kennenlernen oder verstehen zu wollen/müssen. Leben sollte ich hier und Fröhlichkeit verbreiten, nichts anderes!
Und wieder zu schnell ins Sentimentalsein gestürtzt. Man muss nicht alle Gedanken von sich so ernstnehmen, wenn sie nicht guttuen. Und doch hält man sich daran so gerne fest. Ich versuch sie von mir zu schieben, ganz im Hier und Jetzt zu sein, wie man so hübsch sagt. Anum wohnt jetzt mit mir im Zimmer. Gossa betet doch zu laut in der Nacht. Und Anums Familie zieht in die Stadt. Wenn sie weiter unterrichten will, muss sie hier wohnen. Sie ist mit besseren Gründen traurig: Ihre Familie redet zur Zeit nicht mit ihr, weil sie sich entschieden hat, hier zu sein (wasndasfürnquatsch?!). Und im Dezember hört sie mit Unterrichten auf, wegen ihrem Examen. Was passiert dann mit der 1. Klasse? Aufgabe für Matze und mich? Silke geht bald mit Klara nach Deutschland. Wir werden Weihnachtsferien haben. Ich sollte mehr mit dem neuen Mensch aus Deutschland reden – er ist so froh hier wieder Deutsche zu treffen, weil das doch am ehesten Heimat für ihn war (7 Jahre hat er dort gelebt nachdem er im Afghanistankrieg seine Eltern verloren hatte). Und tue es nicht. Wer weiß, wielange er bleibt. Aber zurück zu dem was ist und was ich tue! ich merke, wie wichtig mir Veränderung ist – im Unterricht, im Roshnileben, in meinem Denken. Vielleicht muss ich nur lernen, anzunehmen, was gerade dran ist und mich darüber zu freuen (könnte ich das auch, wenn es gleichbliebe?). Es ist nicht die Zeit für verflochtene Gedanken. Jetzt ist Zeit zum Schreiben!
Und zum Lycheesafttrinken
Freitag, 23. November 2007
im Blaubeerwald
Einem Jungen hätt ich auch gern mal mehr Aufmerksamkeit gegeben und das ist Basheer (Photo rechts). Er wohnt inzwischen wieder bei seiner Familie, auf der Straße sozusagen. Weil er lange mit den Hannesens zusammengewohnt hat, spricht er Deutsch. Die Sprachbarriere zwischen uns existiert also nicht – welche dann? Es gab bisher erst einen Abend, an dem ich mich ihm widmen konnte (oder er sich mir), da saßen wir in seiner Höhle aus Tüchern und Decken und ich hab ihn Portraitiert. Das war wie eine Fraundschaft. Jetzt sagen wir uns nur in der Schule kurz hallo und er fragt mich immer, wann ich ihm Fotos von ihm in Roshni geben kann. Aber ich komme nicht dazu, sie zu drucken und komme nicht dazu, mit ihm auf Bäume zu klettern - oder es kommt nicht dazu. Und in seinem Grinsen ist immer auch was trauriges.
Die Tage sind also bis zum Rand gefüllt, es wird früh dunkel und nach dem Abendessen gehe ich in die Bäckerei um Server bei den Broten zu helfen (neue Bestellung von der Metro). Wenn ich da bis halb zwölf stehe und mich noch ärger, weil ich die letzte Nacht wieder um vier wachgebetet wurde, und mich ärger, dass ich kaum richtige Zeit für mich habe oder nehme und mich ärger, dass man seinen Ärger hier verbirgt, muss ich mich fragen, wann ich halt sagen würde. Einfach schlafengehen. Ohne die Brote. Aber Server steht dann da bis eins. Ist ja auch nur ein Angestellter. Fast so wie der Nachtwächter, der alle zehn Minuten in die Pfeife pfeifen muss, damit wir wissen, dass er nicht schläft. Und der immer wartende Fahrer (der zudem allerhöchstens mal 60 km/h fahren kann wegs der Straßenbeschaffenheit). Aber vielleicht ist es ganz falsch, Mitleid zu haben – für die ist das alles so normal und wenn man darin aufwächst fragt man sich wahrscheinlich nicht, weshalb der Gärtner das Haus nicht betreten darf. Und wieso wir eigentlich nicht mit ihm reden sollen. Der ewige Gärtner…
Sonntag, 18. November 2007
Wenn einer auf seinen Auftritt wartet
Montag, 12. November 2007
Mosaiksteinchen
Puh, heut hab ich die Hefte vergessen und musste mein ganzes Wochenmaterial verbraten um die Kinder bei Laune zu halten. I am a little teapott!! In der 3. Fachstunde kann ich den Unterricht nachbereiten, weil ich da chuti hab („Ferien“). Das ist dann, wie wenn man aus einem Traum aufwacht und versucht, die Bilder wieder hochzuholen: Was haben wir gerade gamacht, worum gings, was ging gut, was ging daneben…
2. mal Lahore. Diesmal mit Bruder und Mann. Die Frauen, mit denen ich im vorderen Teil des Busses sitze, hätten nicht verstanden, dass ich mit zwei Freunden unterwegs bin. Oder sie hätten denken müssen, dass deutsche Frauen immer einen ganzen Harem haben. Ich werde angeguckt, manchmal wird gelächelt. Ich fühl mich auch reingeguckt und mich allein. Lös mich auf und im Hitergrund ständig die Bolywood Filmmusik. Im Vordergrund schaukeln bunte Fähnchen und Plastikblumen. Im Rücken keine Fensterscheiben. Ich greif hinein, um mich zu vergewissern und ernte nur neugierige, offensichtlich verwunderte Blicke von den Frauen (wieso tut sie su?!).
Im nächsten Bus sitze ich auf dem Dach mit Philipp und Matze und vielen vielen Männern, denen ich die Hand nicht geben soll. Man sagt, ich sei die erste Frau, die auf dem Dach mitfährt. Keiner hindert mich daran, dafür sind sie zu höflich. Narrenfreiheit! Ich sehe von hier aus das ganze Leben in den Straßen. Dahinter heulen die Schakale. Es ist so gut, dass ich hier bin. Mal denk ich wieder, warum herkommen – es ist, wie man sich die dritte Welt vorstellt. Lehmhütten und zerrissene Kleider – Nur scheinen die Menschen nicht traurig oder verzweifelt zu sein. Manche vielleicht, denen ich noch nicht begegnet bin. Vielleicht gibt es sogar unfreundliche, die nicht sagen würden thank you for visiting us – darauf warte ich nun seit etwa sechs Wochen.
10.11.
Ich werde gefragt, wie die Leute hier Ausländern begegnen. Gute Frage, ich habe bisher nur einen Chinesen und einen Mensch aus Amerika getroffen. Wir sind Raritäten. Und als solche werden wir auch behandelt! Mit dem bisschen Englisch, das sie können, machen sie uns Komplimente und fragen, wie uns ihr Land gefällt, ob wir uns wohlfühlen. Kurz, ich begegne hier einem Volk, welches sogar die Gastfreundschaft der Esten, Tschechen und Rumänen weit übertrifft. Nur Organisieren kann man nichts. Ein Treffen, ein Ausflug in die Stadt, ein Spaziergang oder gemütliches Chaitrinken wird am besten gleich durchgezogen, ohne voher darüber zu reden.
09.11.
Die Nachbarn, bei denen wir so reich zu Ead gegessen haben, haben einen Sohn, Assad. Heut Nacht warn Matze (den er eingeladen hatte) und ich (die ich mich eingeladen hatte) mit ihm in Lahore essen. Es fing damit an, dass wir nicht wussten, wie wir durch das mannshohe Tor zu seinem Haus kommen sollten. Anklopfen, rufen (was rufen), drüberklettern? Nach einer Weile sind wir drinn – wie üblich ein Getränk und ein Gespräch über Hitler. „I really like Hitler!!“ „Mom, wait!“. Es gibt hier educated und uneducated people (wieder das mit der Hirarchie). Assad gehört zu ersteren. „Is it the case, that many pakistani people like Hitler?“ Und beiß mir während ich das frage auf die Lippe, weil er sich jetzt für seine Mutter rechtfertigen muss. „Well, there’s a lot of hate because of Palästina. But people here don’t know much about it and in any case, our religion forbidds killing! So whats the importance of talking ‘bout Hitler – they all ask you about it whithout knowing anything – it’s the same as when I’m asked about terrorism, whenever they hear that I’m a Pakistani. It’s just stupid!” Der Abend mit Assad war spannend. Es ging viel um Geschichte und Kultur, um Verhütung und Schicksal, aber es war auch eine Menge Spaß dabei (und die richtige Portion Humor ist manchmal sehr hilfreich!), den ich besser nicht aufschreib, denn wenn man nicht hier ist, kann man das alles auch sehr falsch verstehen. Später in der Bar mit H&M Jugendlichen und ich im Chewarcamis. Mit Shisha und sitzen wie man (Frau diesmal auch) will. „It’s fine! I mean, pakistani women would never sit like this (Füße aufm Sofa und so) but you are yourself, you are relaxed, just do as you whish!” Gut, mach ich. Und ich spiel weiter Fußball, auch wenn der Gärtner uns filmt. Ich mag nicht immer nur misstrauisch sein den Menschen gegenüber. Was solls?
Hier wird alles in der Schule gelernte wahr. Oder ich nehm mir zumindest einen Haufen raus davon (muss ja auch nicht alles glauben, was wahr ist). Die colonial encounters (shortstories): A pair of Jeans und good advice is rarer than rupies. Das gibts hier alles. L’Etranger, K&L, Effi Briest (für die es auch ne kleine Revolution war, mit den Männern auszureiten) – es ist doch näher am Leben als ich dachre, wenn ich über den Büchern saß. Sogar die schnulzigen Bollywood und Lollywood (Lahore) Filme werden mit Begeisterung geguckt...
Donnerstag, 8. November 2007
Schnee und Schokolade
Roshni Association (Miss Maria Jacobi),
PoBOX 11073, D.H.A.,
Lahore/Pakistan.
Ich freu mich immer ein Stück von eurem Leben mitzukriegen (und von meinem wieder was mitzuteilen, hähä). Schnee und Schokolade. Schreib und Druckschrift. Und nie wieder drei Stunden am Stück die Dritte Klasse. Ich habe versucht, mit ihnen Hefte einzubinden. Es endete so, dass ich am Nachmittag vor einem Stapel Hefte saß, die lustig durcheinander mit Papier beklebt waren oder auch nicht. So blieben der Waldorfrundbrief und der Musikunterricht für Sikandar auf der Strecke, damit ich basteln konnte...
Mittwoch, 7. November 2007
Zwei weiße Kamele sind zu wenig!!
So, und jetzt ab in die Schule, vielleicht habe ich gleich drei Stunden in der dritten Klasse, weil morgen Iqbalfeiertag ist. Was mach ich nur mit denen?? Die ganze Zeit Verse und Lieder aufsagen geht schon nicht. Schönschreiben. Und ich weiß immer noch nicht, ob Schreib- oder Druckschrift. Schreibschrift. Aber die Klassenlehrerin bringt ihnen nebenher noch Druckbuchstaben bei und versteht nicht, was ich mit cursive handwriting meine. Dafür nickt sie aber immer und lächelt dazu ganz lieb. Das ist ja auch was wert! Aber es ist doch schade, dass der Kontakt mit dem „Kollegium“ (5 Klassenlehrerinnen und Matthias) nicht so läuft, dass man sich über den Unterrichtsstoff verständigen könnte. Jetzt muss ich aber wirklich noch den Waldorfbrief fertigmachen (es ist ja bald Martinibazar) und dann ein paar Stichworte für meinen Unterricht und dann wieder vor den Kinder stehen und Sicherheit ausstrahlen.
Dienstag, 6. November 2007
Lahore
Na gut. Ich dusche morgens kalt. Mit den Schülern komme ich zurecht. Ich kämpfe nicht mehr so sehr mit dem Zweifel, ob es Sinn macht, hier zu sein. Schon hatte ich mir ausgemalt, nach Indien zu juckeln, in die Berge und in die Städte, dann nach Caspar (wo isn das?) – und heute denke ich wieder, wie dumm ich währe, von hier wegzugehen – wie viel ich hier lernen kann, erfahren kann, und in die Tiefe gehen (wie tief sind eigentlich … Tiefen?). Manchmal ist es auch ganz umwerfend schön, wenn die Kinder wieder etwas gelernt haben. Ich weiß wahrscheinlich auch gar nicht, was für ein Wunder es ist, dass ich wirklich hier unterrichten kann, Lehrerin bin. Mir mehr und mehr vorstellen kann, was dieser Beruf bedeutet, der gemäß Marichens-Freunden-und-Bekannten ja zu mir passen würde. Ich glaub das im Moment nicht. So viel Verantwortung…
Aber ich wollte von Lahore schreiben – das ist ja jetzt auch schon wieder her… Lahore ist ein einziges Märchen. Nicht immer und nicht überall, aber in der Altstadt kann man einfach nur staunen und sich darin verlieren, seine Sinne zu benutzen. Jede Ecke riecht anders, jede Straße klingt anders. Hier findet das ganze Leben statt. In den Geschäften, davor und dahinter oder auch darüber in den Moscheen. Die Menschen drängen sich durch enge Straßen, Männer versuchen, mich ja nicht zu berühren, Frauen sagen hingegen hello und how are you und you look so beautifull!! Danke, Du Du bist aber auch sehr schön! Hier herrscht ein anderes Kaufsystem, erklärt mir Philipp, der Märchenerzähler. Eine Straße ist voller Töpfe (auch ganz große, falls ich dann meine zehn Kinder habe), eine andere voller Spielsachen – alles Plastik. Dann kommt die Stoffstraße, in welche sich auch die bunten Armreifen schummeln. Hier klingelt der Eisverkäufer, da der Popcornmann. Ein anderer ruft, dass wir seine Früchte kaufen sollen, die ich doch noch nie in meinem Leben gesehen habe. Man sagt, sie wachsen im Wasser. Ziegeköpfe hängen von oben herunter, hier wird vom Tier alles verwertet, alles gegessen. Es riecht nach Verwesung, aber nicht wegen der Ziegen. Vielleicht eine tote Ratte im Staub. Oder ein Hai. „Frischer Fisch, Frischer Fisch!!“ Dann werden alle Gerüche, auch die, die aus den vollen Gewürzsäcken kommen, übertüncht von den Ölen. Kleine und große Flaschen, kostbare und billige stapeln sich und verstreuen alle möglichen Düfte. Sie erinnern mich an „Das Parfüm“. Ich merke plötzlich, dass ich eine Nase hab. Und Ohren. Und Augen natürlich, aber wenn ich mit denen zu viel um mich guck, verrate ich mich. Dann merken alle, dass ich nicht von hier bin und tuscheln und lächeln mich an und halten mich an. Es ist besser, so zu gehen, also wüsste man wohin, sagt Philipp, dann kann man unsichtbar werden. Und dann einen Sack voll Linsen, Frittiertes Gemüse, einen Kinderblick, ein Streitgespräch, ein Gebet aus dem Lautsprecher einfangen und mit sich nehmen. Alles kann man eh nicht mitkriegen – auch wenn man das manchmal so gerne wollte: alles auf einmal und davon ganz viel. Aber für das neu-gierige Mädchen aus dem Westen ist in diesem Moment alles da in der Altstadt von Lahore.