Dienstag, 15. August 2017

Abu Dhabu

Wir treffen uns in Abu Dhabi. Zoheb, den ich vor 5 ½ Jahren in Lahore kennengelernt habe (mit dem ich vier Wochen in den wunderschönen Norden Pakistans gereist bin), und ich. Die Verlobungsringe kamen gestern mit Fedex aus den USA. Das letztemal, als wir uns außerhalb Pakistans trafen, war es in Sri Lanka, dieses mal ist es Tanzania – die Welt wächst zusammen.

Von Abu aus nehmen wir den gleichen Flug nach Daressalam, wo wir Bena, Msechu und Eli treffen, dann gehen wir nach Sansibar. Ich habe herausgefunden, dass „Sansibar oder der letzte Grund“ gar nicht so viel mit der Insel zu tun hat und beschlossen, es doch nicht zu lesen. Stattdessen lerne ich Lieder von Element of Crime und bereite mich auf die nächste CD vor, die ich dann bei Vincent in Freiburg aufnehmen möchte. Wenn ich mir vorstelle, auf Sansibar unter einer einsamen Palme Element of Crime zu singen, muss ich grinsen.

Wenn wir zurückfliegen, haben wir wieder ein gemeinsames Flugzeug, so ist der Plan. Etihad hat beschlossen, nicht mehr in Airberlin zu investieren und so hat Airberlin heute gemeldet, dass sie Insolvenz beantragen wollen. Aber die Flüge fliegen trotzdem, zum Glück! Wir sind selber überrascht von der Romantik unseres Plans, aber ich finde es irgendwie passend, dass unsere Geschichte nach 5 Monaten sich-nicht-sehen und wahnsinnig viel Papierkram machen genauso aufregend weitergeht, wie sie auch begonnen hat: mit lieben Freunden, besonderen Orten und ein paar Faktoren, die uns immer wieder bangen lassen, ob auch alles klappt.

„Mach dir keine Sorgen“, sagt Zoheb dann. Für die Beantragung seines Visums in Deutschland musste er den A1 Test machen. Eine weitere Hürde für uns, aber im Nachhinein eine wirklich hilfreiche. „Bis Sonntag dann in... Abu Dhabu“ sage ich. Manchmal weiß ich selber auch nicht mehr, wie all diese Orte heißen.

Samstag, 25. Juni 2016

Mini-Erleuchtung in Leh

Wenn ich morgens aufwache, glitzert die Sonne in den Baeumen von Leh. Ueberhaupt glitzert alles, das Wasser, die Berge, die Shawls und manchal auch die Augen der Leute, obwohl (oder gerade weil?) sie so viel arbeiten hier oben in den Bergen. Je naeher man an der Stadt wohnt, desto reicher ist man, desto leichter ist auch die Arbeit – auch wenn sie immer noch nicht leicht ist. Ich versuche unsere Gehaelter in Deutschland damit zu rechtfertigen, dass auch die Mieten hoeher sind, aber allein die Tatsache, dass ich Zeit habe und reisen gehe, sagt schon alles.

Ich bin ein paar Tage in der Stadt geblieben, weil mein Koerper nicht ganz in Ordnung war. Die Erleuchtung kam nicht, als ich einsam auf einem Stein sass und die Berge anschaute - was auch schoen war. Sie kam, als ich durch die Strassen ging, Staub in der Nase, Geraeusche im Ohr von Autos und Menschen die an mir vorbei wollten - oder ich an ihnen. Sie kam, so wie Gedanken kommen, die etwas wichtiger sind, als die anderen. Ich war auf dem Weg zum Krankenhaus, nichts wissend, was ich genau habe. Ich hatte verschiedenste Apotheken besucht, wo der Arzt mal um zwei, mal um drei und mal um vier kommen sollte, meistens aber doch nicht kam. Die wenigen Aerzte, die ich sprach, konnten kaum Englisch. Also ging ich ins Krankenhaus. Auf dem Weg ueberlegte ich mir, dass es wirklich schoen ist, zu leben, dass der Koerper ein wundersames Objekt ist und so fragil zugleich. Es verunsicherte mich, nicht zu wissen, was war. Alles verunsicherte mich ploetzlich. Die Sprache, das Warten, das Laecheln und Kopfwiegen der Leute. An den Waenden des Spitals stand: "Smile and Silence is the way". Und: "There are two kinds of pain: one that hurts you and one that changes you". Nur in diesem Moment gerade wollte ich nichts philosophisches hoeren, sondern wissen, was die Reaktion meines Koerpers war auf die drei Spritzen, die ich so ploetzlich in Dharamkot bekommen hatte. Ich kam auf sonderbare Weise schneller durch die Reihen, als sonst, was mir jetzt auch nichts machte. Der Arzt sah mich kurz an, bog meine Knie, nickte zufrieden und verschrieb mir ein Antibiotikum - und noch eines gegen die Schmerzen… "Ich habe keine Schmerzen", protestierte ich und er strich laechelnd das zweite Antibiotikum von der Liste. Ich fragte ihn, ob es gefaehrlich sei, was ich habe. Nein, sagte er, mit demselben freundlich-belustigten Laecheln und nahm den naechsten Patienten dran.

Etwas beruhigt und etwas beunruhigt ging ich fort. Ich schrieb Bena, die Aerztin ist, eine Mail mit dem Ergebnis, dass ich evtl. nochmal ins Krankenhaus musste. Immerhin kostete die Fahrt hier 20 Rupies und nicht 1000, wie in Dharamkot. Ich googlte 'Abszess' und entschied nach einigen Minuten merkwuerdiger Verlaufsbeschreibungen, dass es keine gute Idee ist, Krankheiten zu googlen, die man nicht kennt. Es verunsicherte mich alles und gleichzeitig merkte ich, wie gluecklich ich mit dem Leben und den mir so lieben Menschen bin. Dass jedes Wort, das wir austauschen, mehr wert ist, als alle Projekte, die wir machen koennen. Dass alle CDs und Lieder und Fotos, die ich je gemacht habe nichts sind, im Vergleich zu einem guten Wort, dass ich zu jemandem sage.

Freitag, 17. Juni 2016

Paradiesvoegel

Die Lichter der Stadt gehen an. Dharamkot ist ein kleines Doerfchen am Fusse des Himalayas, das zwischen zwei hohen Bergen liegt, nicht im Tal sondern eher am Hang. Unter uns ist Dharamsala, wo der Dalai Lama wohnt und wo viele Tibeter zuhause sind. Morgens hoert man die Voegel zwitschern und abends singen die Leute in den Strassen, entweder Mantras oder Bollywoodlieder. Ich musste sofort an Philipp denken, als ich hier herkam, der mir vor acht Jahren begeistert gesagt hat, wenn du in der Gegend bist musst du nach Himrachal Pradesh gehen, das ist das schoenste auf der Welt!!!

Ich bin kein Fan von Superlativen, aber als ich gestern am Wasserfall war, kam mir genau der Gedanke: Das ist das Schoenste, was ich je gesehen habe! Da war nichts. Nur ein kleiner Teastall, riesige Steine, glasklares gruenes Wasser und eine weite neblige Landschaft in der Tiefe. Ich hab gebetet und war dankbar, das ich so weit gekommen bin. Hier kann man alles machen - es ist auch ein bisschen komisch. Von Vipassana ueber Shamanic Sessions, Rebirthing, all kinds of Yoga bis zu Ayuwaska nehmen oder alles zusammen. Viele Israelis sind hier, natuerlich, aber auch einige Deutsche, Franzosen, Inder und Englaender. Es ist lustig, sich zu treffen und die ganzen Reisegeschichten zu hoeren. Ich verliere langsam meine Vorurteile gegenueber Touristen - alle sind anders, ich bin eine davon. Mein Handy wurde fuer einen Tag geklaut und kam dann wieder zu mir zurueck. Ich war zwei Tage krank, habe drei Spritzen bekommen und wurde von Hannes quer durchs Dorf getragen. Langsam kann ich wieder Chae trinken und ich merke, dass es Zeit wird, aufzubrechen. Die zehn Tage Einfuehrung in den Buddhismus habe ich gecancelt, weil ich weiter moechte nach Leh (das ist noch mehr in den Bergen). Einer sagte zu mir beim Teetrinken: Why should we sit inside and breathe if we can see this amazing Nature, und deutete auf die Berge vor uns.

Am schoensten - nach der Natur - sind die vielen verschiedenen Kleider. Die Frauen tragen Shalwarkameez, die Touristinnen wilde Seidenroecke und Traegertops. Mit ihren Federn in den Haaren, Armbaendern, Tatoos aus diversen Stationen ihres Lebens und meistens einem bunten Punkt in der Mitte ihrer Stirn sehen sie manchmal aus wie etwas verlorene Paradiesvoegel. Ich trage jeweils abwechselnd eines meiner fuenf Shalwarkameez und kriege viele Komplimente und Fragen, woher ich das habe, warum ich Hindi spreche und warum ich in Pakistan war. Es ist schoen, die Geschichten zu verbinden. Und es is schoen, Geschichten zu erzaehlen.

Samstag, 11. Juni 2016

Milchkaffee

Heute bin ich ueber die Wagah Border gegangen - zurueck nach Indien, nach 3 Wochen Pakistan. Ich wollte nicht gehen, aber ich wusste auch nicht genau, was ich noch machen sollte in diesem mir so lieben, mir so widerspruechlichen Land. Zo war unterrichten in Gilgit und ich habe versprochen, nicht in die Berge zu fahren. So ging ich nochmal nach Islamabad, Freunde besuchen die bei der GIZ arbeiten.

Deutsche in Islamabad. Das war ziemlich lustig. Ein anderes Islamabad, als wie ich es kannte von Zoheb, aber auch ein bisschen aehnlich. Ich wurde von unserem Fahrer bei Daewoo abgeholt und als ich ankam und Kaffee bekam, Deutsch sprach und Buecher in Schrank sah, die ich lesen wollte, hatte ich fast wieder das Gefuehl, zuhause zu sein. Es ist ein komischer Kontrast, all das zu haben, wenn genau dieser Kaffe ein Tageslohn fuer meinen Fahrer sein koennte. Begehbare Duschen und Gespraeche ueber Politik. "Halb Zwoelf", sagte die Stimme im Fritzradio und ich wunderte mich einmal mehr, dass es nur 3 Stunden Unterschied sind, bis nach Pakistan. Der Radiosprecher fragt Fussballfans, ob sie Angst haben jetzt in Frankreich. Ich sitze in Islamabad und moechte auch gern die Nummer waeheln. "Wir wollen eure Meinung wissen", sagt der Sprecher - ich weiss meine Meinung nicht. Ich weiss nur, dass es hilft zu denken, dass die Gefahr bei eine Attentat um zu kommen statistisch gesehen viel niedriger ist, als z.b. beim Autofahren. Ich mache Milch in einer Pfanne warm, weil ich die Toepfe nicht finde und fuehle mich ploetzlich an so viele Situationen in Laendern erinnert, wo ich Milchkaffee machen wollte und irgendwas gefehlt hat. Gluecklich und zufrieden sitze ich schliesslich auf dem Sofa und lese 'How to get filthy rich in raising Asia'. Das Buch ist zum Glueck keine Anleitung zum Reichwerden, sondern die Lebensgeschichte eines Lahoris, der ein Wasserabfuellunternehmen gegruendet hat und vom Dorfjungen zum angesehenen Staedter wird. Mit meinem Hintergrund bei Roshni, den Besuchen zuhause und den vielen Familiengeschichten, die ich kennenlernen durfte, ist der Wiedererkennungswert hoch. Als ich Islamabad verlasse, bleibe ich noch eine Nacht in Lahore, bin dann aber auch froh, die Stadt zu verlassen und mit Indien ein Stueck Unabhaengigkeit zu gewinnen - sei es um einfach nur alleine den Zug zu nehmen oder irgendwo zu uebernachten und keiner weiss wo.

Ich verlangsame meine Schritte, als ich zur Grenze gehe. Nichts ist wie frueher. Kein Bookshop, kein Latif, keine Bangels - es hat sich nicht gelohnt, hier einen Laden zu machen. Vergeblich versuche ich, meine Pakistanischen Rupees loszuwerden, die ich schliesslich umtauschen muss. Noch ein bisschen quatsche ich mit den Baemten, um Zeit zu schinden. Leicht wehmuetig sage ich zu ihnen: "Hier bin ich Gast, drueben werde ich Tourist sein." Sie laecheln. Jedes gute Wort ueber Pakistan scheint balsam zu sein in dem Land, das staendig etwas falsch macht. Manchmal wuenscht man sich, gar nichts zu sagen. Manchmal lacht man einfach ueber die Unterschiede. "I cannot go to your country, you can go to mine", sagte mein Fahrer in Islamabad und, ja, wir lachten. Ich fuegte ernster werdend hinzu: "I wish it would be equal", dann wechselten wir das Gespraech. Bei den Grenzbeamten ist es aehnlich. Was sollen wir auch tun? Ein letztes Mal sage ich "Shukriya" (danke) und "Alla Hafiz" (tschuess) und verschwinde. Drueben werde ich mit "Namaste" begruesst. "Welcome to India. Achcha - You speak Hindi??, "Hindi - Urdu, ...", sage ich verwirrt. "Wo hast du das gelernt?", "In Lahore", "Wo gehst du hin?", "Nach Amritsar", "Fuer wie lange?", "Einen Tag", "Phir?" (und dann?), "Phir Dharamsala, Mc Loyd Ganj, Delhi, bas, Germany wapis, ye hae", rolle ich herunter, wie ich es schon so oft getan habe. Ich bring die Namen durcheinander, Vergangenheit und Zukunft (Kal heisst sowohl "gestern" als auch "morgen") und wuensche mir, nichts mehr beantworten zu muessen. Es ist heiss. Nicht so heiss wie sonst, aber heiss genug. Noch glaube ich, das ich nichts essen und nichts trinken darf, wegen Ramadan, aber ich bin nicht mehr in Pakistan. zoegernd nehme ich meine Wasserflasche in die Hand.

Der Immigrationofficer nimmt meinen Pass in die Hand, mustert mich, mustert meinen Pass, dann wieder mich. Lange Pause. Ich warte und hoffe, dass er nicht nach der Polioimpfung fragt, ohne die ich nicht nach Indien darf. Nichts passiert. Dann schaut er wieder auf: "Jaecobi?", fragt er unglaeubig, mit einem langgedehntem "ae". Mit sicherer Stimme sage ich "Ji" (Ja) und atme durch. Endlich etwas, das ich einfach beantworten kann.

Sonntag, 5. Juni 2016

Riksha

Es ist, wie gesagt, nicht immer einfach in Pakistan von A nach B zu kommen. Schwierig ist es auch nicht. Schwierig ist nur, dass, je laenger man darueber spricht, immer mehr Leute involviert sind. Am Ende schreibe ich 3 Menschen eine sms, dass ich gut angekommen bin, und rufe eine vierte Person an. Auch wenn es sich nur um zehn Minuten Rikshafahrt handelt.

Man muss dazusagen, dass es nicht besonders angesehen ist, eine Riksha zu nehmen. Das machen nur Leute, die entweder keinen Fahrer haben oder keine Freunde, die sie abholen. Oder Reisende wie ich, die es aber kaum gibt. Gesagt getan. Ich rufe also den Rikshafahrer meines Vertrauens an (das ist schonmal besser, als ‘irgendjemand’ anzuquatschen), dass er mich abholen kommt. Meine Freundin malt mir eine Karte, damit ich auch weiss, wo ich bin – just in case. Der Fahrer kommt und wir brettern los. Wir quatschen ein bisschen auf Urdu, ich bin wieder Christ, weil er auch Christ ist und sich darueber freut und ich schweige wieder, um auch nicht zu nett zu sein. Er haelt seine Hand raus zum Abbiegen. Auf meiner Karte zeigen die Pfeile nach rechts. Wir biegen links ab. Ich warte. Versuche die Strassenschilder zu lesen, hoffe auf einen U-turn, warte. Vertrauen, Maria! ‘Also…’, denke ich und ueberlege, ob es sich lohnt, mit dem Rikshafahrer ueber den Weg zu diskutieren. Doch da biegt er auch schon wieder links ab - ein bisschen mehr in meine Richtung. ‘DHA’ Lese ich auf den Schildern und bin beruhigt. Kleine Muellfeuer brennen am Strassenrand, Kamele grasen zwischen Rikshas. Ich halte meinen Rucksack fest, dass er nicht rausfaellt und versuche gleichzeitig das Kopftuch (Dupatta) ueber den Haaren zu lassen waehrend der Wind es fortreisst. Heimlich mache ich Bilder von der Strassenszene. Heimlich, weil ich nicht auffallen will und weil ich, wenn ich schon auffalle, nicht die sein will, die einfach nur Fotos macht. Manchmal lohnt es sich nicht, an spaeter zu denken. Die Bilder verwackeln, wir sind fast da.  Wo genau das ‘Gloria Jeans Coffee’ ist, weiss ich nicht. Wir fragen bei einem Kino nach. ‘Frag nicht die Leute am Eingang, die wissen nichts’, sagt der Fahrer. Ich frage die Leute am Eingang: ‘Assalamu'aleikum, …” – Schulterzucken. Und die uebliche Verwunderung darueber, dass seine Frau alleine irgendetwas fragt. Schuechterne Blicke, Laecheln, Blicke zum Boden (auch meine). Mein Fahrer taucht hinter mir auf und wir fragen an der Kasse. ‘Gloria Jeans? Da lang, da lang, da lang und da lang’, sagt er mit einer fliessenden Handbewegung. Wir fahren wieder los. Er ist sehr freundlich und geduldig, wie ich finde. Am Ende rufen wir eine der vier Nummern an, um nochmal genau zu erkunden, wo es ist. Es klappt, wir kommen an. Wie konnte ich auch denken, dass es nicht so waere? Ich bezahle, schreibe 3 sms und freue mich auf den ersten Kaffee in zweieinhalb Wochen.

Ich liebe Rikshafahren! Man fuehlt sich so selbststaendig. Man sieht so viel Stadt, ohne gesehen zu werden. Man kann dem Fahrer sagen, er solle kurz anhalten, um Wasser zu holen oder etwas Handyguthaben. Alles Sachen, die ich alleine nicht so einfach kriegen kann. Ich bin immer ein bisschen stolz, wenn ich angekommen bin - es ist wie Erwachsenwerden an einem Tag.

Freitag, 3. Juni 2016

Lahore لاہور

Lahore war schon immer magisch für mich. "Jine Lahore nei dekhia o jumia nahin", sagt man auf Punjabi, was so viel heißt wie: wer Lahore noch nie gesehen hat, ist noch nicht geboren worden. Ich agreee. Die ganze Zeit habe ich an Lahore gedacht, wenn ich zuhause war. An die Altstadt, die Gerüche, die vielen Menschen, die bunten Kleider und alles, was da noch so ist.

Und jetzt? Jetzt trinke ich Chae mit Kardamom bei Mc Donalds. Stelle erstaunt fest, dass Frauen hier auch ohne Kopftuch rumlaufen können. Falle ich nicht mehr auf als Ausländerin, weil ich mich daran gewöhnt habe, wie alles funktioniert: entweder ich habe einen Mann dabei, der die Abläufe regelt, oder ich bin mit einer Frau (oder gar alleine) unterwegs, dann halten wir uns dezent zurück und kriegen meist trotzdem was wir wollen. "Our society is not made for women", sagt mir eine Freundin und ich denke sehnsüchtig an Deutschland.

Andererseits kommt mir auch viel Respekt entgegen. Werde ich nicht mehr einfach angesprochen wie in Indien. Wenn jemand das Gespraech eroeffnet, dann ich. Und vielleicht die Frauen im Bad, die neugierig sind, ob ich verheiratet bin, wieviele Brueder und Schwestern ich habe und ob mir Pakistan gefaellt. Ich sage immer ja. Ich bin hier gerne. So sehr ich damit kaempfe, so sehr geniesse ich meine merkwuerdige Rolle als alleinreisende Frau. Und die ungewohnten Eindruecke - Kulfi Eis, Geckos an der Wand, Froesche im Bad, Eselskarren und riesige mit Zuckerrohr beladene Wagen. Bald faengt der Ramadan an - was mache ich dann? Eine Option ist, nach Indien zu gehen, wo ich spaetestens am 12. Juni sein moechte. Eine andere, nochmal nach Islamabad zu gehen. Dieses Mal scheint sich mein Pakistan zwischen Lahore und Islamabad auszubreiten. Man muss auch nicht immer alles machen (auch wenn ich 1000 Ideen hab). Vor allem wegen der Gefaehrlichkeitssache. Ich schaeme mich, Fragen zu stellen, ueber was hier gefaehrlich ist und was nicht, wie sich das Leben anfuehlt, wenn man hier lebt usw usf. Alles ist ziemlich normal. Wie kann ich Leuten misstrauen, die mich zum Essen einladen und zu ihrer Familie? Wie koennen wir denken, ein ganzes Land (oder sogar: die Leute die dort leben) sei gefaehrlich, nur weil eine ganz bestimmte Randgruppe gefaehrlich ist? Das macht keinen Sinn. "Du musst dich nicht schaemen", sagt Zo, "Glaub mir, wir haben dieselben Gedanken, wenn wir in unser Land zurueckkommen." Diese Angst legt sich mit der Dauer des Aufenthaltes. Je mehr friedliche Tage man hier verbringt, desto mehr glaubt man auch wieder daran.

"Pakistan war noch nie so sicher", sagte ein Cafebesitzer, der mich in Berlin auf einen Chae einludt, kurz bevor ich gegangen bin. Ich sagte ihm, wo ich hingehe in Lahore und seine Augen leuchteten. "Jine Lahore nei dekhia o jumia nahin", sagte ich laechelnd und seine Augen leuchteten noch mehr. Ich solle in Lahore seine Frau besuchen, sagte er, und gab mir ihre Nummer. "Insha'Allah", sagte ich und fragte, was er an Pakistan vermissen wuerde, um das Gespraech weiterzufuehren. "Die Familie und natuerlich das Essen!". Ja, richtig, das Essen. Ich habe lang nicht mehr so viel gegessen wie hier. Irgendwann muss man aufhoeren, oder die Stadt verlassen. Lachend erinnern sich meine Freundinnen an gemeinsame Bekannte: "Kennst du den und den noch?" "Ja, aber der ist wirklich dick geworden, hihihi". Ich halte mich raus, es scheint ihnen ungesund, dass ich seit dem letztenmal nicht besonders zugenommen hab. Das kommt mit der Ehe, sagen sie und kichern. Ob die Ehe ueberhaupt kommt, frage ich mich. "Bei uns ist Hochzeit nicht das wichtigste", "bei uns schon". "Bei uns entscheidet jeder fuer sich", "bei uns entscheidet jeder fuer die Familie". Eine der Maedels soll gerade verheiratet werden und moechte noch nicht heiraten. "I can imagine", sage ich, "its tough". "No, you can actually not imagine. Its not tough, its impossible", sagt sie glucksend und ich weiss nicht, ob sie lachen oder weinen will. Manche Sachen kann man einfach nur ansehen. Ich entscheide mich dafuer, nicht zu emotional zu werden, wenn ich die Lebensgeschichten hoere, weil ich weiss, dass das Band breiter ist, dass mehr Faeden dazugehoeren und dass es eventuell genau richtig ist, dass das Maedchen jetzt heiratet, auch wenn es aus meiner Sicht anders ist. Wie wichtig der Segen der Familie hier ist, kann man sich gar nicht vorstellen.

Wir wissen so wenig und urteilen so viel. Wie froehlich und wie liebevoll die Menschen hier haeufig sind - wie isoliert und traurig manche an Berliner U-bahnhoefen. Wie koennen wir sagen, das eine oder das andere sei besser? Ich moechte nicht tauschen. Ich kann gar nicht tauschen, aber ich will verstehen, was eigentlich Glueck ist, woher es kommt und wie wir uns mit ihm arrangieren koennen, sodass es bleibt. Vielleicht kommt und geht es auch immer in Wellen - in allen Laendern, in allen Gesellschaften. No matter how and when we get married.

Dienstag, 24. Mai 2016

Islamabad اسلام آباد

Pakistan ist, wie sonst auch, friedlicher als gedacht. Als ich ueber die Grenze komme, von Amritsar nach Lahore, umgibt mich eine angenehme Ruhe, unglaubliche Hitze und die gewohnte respektvolle Begruesseung. Ich sage "Va aleikum assalam" und bin sehr gluecklich, meinen Fuss (wieder) auf dieses Stueck Erde zu setzen. It has been four years. Wenn ich alle vier Jahre nach Pakistan zu gehen, kann ich immerhin dieselben Saetze verwenden, die ich schon gelernt habe.

In Lahore wechsel ich Geld, zusammen mit Farhan aus Nepal, der mit mir ueber die Grenze gegangen ist. Den Bucheintraegen zufolge waren es nur eine Handvoll Leute an dem Tag, die die Grenze passiert haben. Ich glaube es immer wieder nicht: die einzige Grenze zwischen diesen beiden Laendern wird von den insgesamt 1400 mio Einwohnern beider Laender kaum genutzt. Nur nachmittag um fuenf, wenn die beruehmte Borderclosing Ceremony ist, wo die Soldaten auf und ab gehen in ihren Uniformen und zeigen, wer staerker ist. Von Indischer Seite her besteht grosse Skepsis (Its too dangerous!) und von Pakistanischer Seite kaum die Moeglichkeit, ein Visum zu bekommen - selbst wenn man wollte. Ich halte mich dezent zurueck bei solchen Gespraechen, weil ich nicht genau weiss, wie es sich anfuehlt, Teil dieser Geschichte zu sein. Aber wenn mir gesagt wird, dass es ist wie mit unserer Grenze damals in Deutschland, dann gebe ich die Hoffnung auch nicht auf, dass die Wagah Border irgendwann nicht mehr da sein muss. Und auch nicht der Zaun.

Ich wechsel also Geld und bin froh, einen Mann an meiner Seite zu haben, weil dann weniger Fragen, oder nur Fragen an ihn gestellt werden. Er regelt die Geschaefte, ich gehe. Meine Riksha bringt mich an den Stadtrand nach Roshni, wo ich empfangen werde, Tee bekomme und etwas zu essen. Es ist schoen, diesen Ort immer wieder zu sehen, wie er sich veraendert, wie die Leute sich veraendern und wie manches auch gleichbleibt. So wie ich. Vor allem mein Urdu ist besser geworden (glaube ich).

Jetzt bin ich in Islamabad, weil es meine einzige Moeglichkeit war, Zo zu sehen, mit dem ich hier viel Zeit verbringe. Er erklaert mir viel ueber die Gesellschaft, wo ich was machen und sagen kann und wo ich lieber mal still bin bzw. abwarte, was die anderen tun. Wie immer reg ich mich auf, wenn ich nicht frei sein kann, aber das ist ja genau, was ich auch liebe: Eine Kultur, die so anders ist als alles, was ich kenne, dass mir mein eigener Hintergrund erst richtig bewusst wird. Mit Zo kann ich viel ueber diese Dinge reden, das hilft. Die Welt waechst zusammen, wenn man so viele verschiedene Perspektiven auf einmal sieht. Ich freue mich auf die weitere Zeit mit Zo, auf ein paar Tage in Roshni und, ach, eigentlich will ich schon gar nicht mehr nach Indien zurueck. Pakistan ist so besonders geworden fuer mich.

Freitag, 20. Mai 2016

'Call any other Country'

"You can call any other country, not Pakistan", sagt der Shopkeeper zu mir, als ich versuchen will, in Roshni anzurufen. Warum nicht? Verbot vom ISRD oder so. Ich vermute das spricht nicht gerade fuer die Indisch-Pakistanischen Beziehungen. Alles andere schon. Die Leute sind aufgeschlossener als noch vor vier (oder vor acht) Jahren. "Oh, good you go to Pakistan!". Ich sage shukriya (danke) und dhuniavat (danke) und frage, mich was besser ist. "Shukriya is also a very good word", sagt der Taxifahrer lachend. Hach bin ich froh, wenn ich wieder Assalamu'aleikum sagen kann. Immernoch haengt mein Herz an Pakistan, reise ich nur durch Indien durch und freue mich daran, wieder ein bisschen Hindi zu reden. Aber auch ueber das Essen und darueber, einfach ueberall rumlaufen zu koennen. Ich erinner mich, wie ich zum erstenmal im April 2008 von Pakistan aus ueber die Grenze kam und mich gewundert habe, dass die Frauen hier Roller fahren. "We are an equal society", erklaerte mir ein Sikh heute Nachmittag, "60 % of our women work". Fein. Dennoch ist es ungewoehnlich, als Frau alleine zu reisen. Und mehr noch als in Europa wundert man sich hier darueber, dass ich nach Pakistan gehen moechte.

Ich schlafe in Amritsar im Golden Temple - nach Tipp eines uralten Lonely Planets, wo es andere Reisende, viele Schlafplaetze und Essen fuer alle gibt. Es ist eine riesige friedliche Angelegenheit. Tausende von Menschen essen hier jeden Tag und besuchen den Tempel, der mitten im Wasser steht. Keiner darf etwas bezahlen, viele arbeiten dafuer freiwillig. An der Strasse kaufe ich Litschis und freue mich darueber, dass ich das Essen so gut vertragen habe bisher. Meine Zimmernachbarin hatte 40 Grad Fieber und ich habe ihr plain rice gebracht. Mit einem anderen Zimmernachbar gehe ich Abendessen. Er ist Australier und sagt mir: Beim Reisen ist jeder Tag wie eine ganze Woche. Ich denke spaeter: wenn man reist merkt man erst die Bedeutung der Worte die man sagt, weil es vielleicht das Einzige ist, was zwischen dem Menschen und mir je gesagt sein wird. Und es stimmt: Es ist schon so viel passiert, dass es sich anfuehlt wie zwei Wochen - obwohl ich erst 2 Tage hier bin. Nachdem mir Delhi zu heiss und zu hektisch war, habe ich gleich den Zug nach Amritsar genommen. Vielleicht war es gut, den ersten Tag in einer 40 Grad Landschaft mit etwas Zugluft zu verbringen. Die etwas erfahreneren Leute haben Wasser in Thermosflaschen gekuehlt. Mit meinem Plastikflaschenwasser haeette man gut warm duschen koennen. Ich habe beschlossen, sobald es geht, in Indien in die Berge zu gehen, wo es kuehler ist. Aber erstmal will ich nach Lahore. "Don't you want to call any other country?" Fragt mich der Ladenbesitzer noch einmal etwas irritiert. Nein, sage ich bestimmt, ich will doch nach Pakistan gehen. Morgen.

Sonnenuntergang (Nachtrag)

18.5.1016 - So eine purpurrote Sonne wie ueber Istanbul habe ich noch nie gesehen! Eigentlich sollte sie untergehen, aber da wir aufgestiegen sind, ging sie immer wieder auf. Ein wunderbares Naturereignis: Meer, Wolken von oben, kleine Schiffe, Berge. Meer, Wolken von oben, kleine Schiffe, Berge.

Noch 30 Minuten bis zur Ankunft. Verschlafen schaue ich auf den Bildschirm vor mir, tippe auf "Deutsch" und auf "Mein Flug". Auf der Karte erscheinen die Namen Islamabad, Lahore, Amritsar und Delhi - alles Orte, wo ich sein werde. Unser Flugzeut befindet sich direkt ueber Lahore. Schnell schaue ich nach unten und erhasche noch einen Zipfel der grossen Stadt. Dann kommt ein komisch gezacktes Band - die Grenze. Lichter an der Wagah Border, Amritsar. Hier werde ich rueberlaufen (heute/ morgen/ uebermorgen?). Amritsar sieht wunderschoen aus von oben - wie ein grosser gezackter Stern.

Donnerstag, 21. April 2016

Café Oberholz, Berlin.

Irgendjemand riecht gut. Vor mir die große Kreuzung, Lichter in einer nassen Abendsonne, Autos, die warten. Das blaue Schild „U Rosenthalerpatz“, die untergehende Sonne, einige Blitze. Ich bin hier gerne. Mate Mate ist die neue Club Mate und ein Mann ist darauf abgebildet, der irgendwie sehr entschlossen aussieht. Hausarbeit über Hausarbeit. Ich lenke mich ab mit Flügebuchen und Tagebuchschreiben. Pakistan – schon wieder? „Ich muss nicht unbedingt gehen“, sage ich zu meiner Mutter. „Mir ist wichtiger, dass Du dir keine Sorgen machst!“. Ich muss unbedingt gehen. Allen meinen Freundinnen sage ich, sie sollen nicht wegen ihren Eltern irgendenwo bleiben und plötzlich mag ich das Gefühl, genau das zu tun. Es ist… Schon so lange her, dass ich dort war. Wieviele Jahre? Vier. Das war 2008, das ich zum erstenmal dort war, 2012 zum zweiten und es ist nur logisch, dass ich jetzt, 2016 wieder gehe. Auch wenn Regenzeit ist. Hier regnets auch manchmal. Jetzt zum Beispiel. Eine Musik spielt „Let it go“. Ich versuche alles gehenzulassen - auch mich. Aber es ist nicht so einfach. Ich liebe Berlin, Berlin im Frühling, Berlin, gerade Sommer werdend. Es ist langsam meine Stadt geworden – und ich ihre Studentin. Der oder das Berlin? Es gibt jetzt Gründe hier zu bleiben – und Gründe, zu gehen. Der beste ist, wiederzukommen und sich auf etwas zu freuen. Auf eine Sprache, auf einen Tee, darauf wieder hier zu sein. Auf Freundschaften, darauf, dass jemand gut riecht und dass es regnet, wenn gerade die Sonne untergeht.

Donnerstag, 21. Januar 2016

Alles gut.

Es ist 9:45h morgens, ich bin auf dem Weg zur Uni. Ein älterer Mann bahnt sich seinen Weg durch die M27 in Richtung Türe. Warum er jetzt schon aufsteht, frage ich mich – wir haben doch die letzte Station gerade erst passiert! Dann sehe ich: Er geht sehr (sehr) langsam. Zitternd sucht seine Hand nach einem Halt an den hängenden Halteschlaufen, die für ihn, wie auch für mich, etwas zu hoch sind. Ich überlege, ob ich ihm helfen sollte, entscheide mich dann aber dafür, dass jeder Mensch mit seinen Vor- und Nachteilen gelernt hat klarzukommen. So auch er. Wir halten an. Vor ihm noch ungefähr acht Leute, die nicht aussteigen wollen. Langsam, ganz langsam bewegt er sich zur Türe. Ich weiß was los ist: er muss raus, bevor der Bus losfährt. Plötzlich geht die Türe zu, der Bus schwankt von der schrägen Halteposition in die gerade Fahrtposition und brummt los. „Da will noch einer aussteigen“, ruft jemand dem Fahrer zu - aber zu spät. An der nächsten Station steigt der alte Mann aus. Er macht zehn- oder zwanzig-Zentimeterschritte in Richtung seiner alten Haltestelle. Es ist kalt in Berlin. Zu kalt, um so langsam zu laufen, auf einem Weg, auf dem man gar nicht sein wollte. Es tut mir leid, dass ich nicht rechtzeitig geholfen habe, es tut mir leid, dass er zurücklaufen muss, es tut mir leid, dass ich nichts gesagt habe.

Manchmal denkt man, es ist egal, wie man handelt in solchen Situationen, manchmal denkt man, es käme darauf an, was die anderen von einem denken. Keiner denkt: warum hat das Mädchen nichts gesagt? Jeder denkt: warum habe ich nichts gesagt? Keiner denkt: warum habe ich drüben im Senegal dem Busfahrer nicht gesagt, er solle anhalten, weil ein alter Mann aussteigen wollte. Das Nähe-Distanz-Dilemma und die ganze Ethik bricht sich in diesem Moment auf Entscheidungen runter, die ich getroffen habe. Ich muss niemandem was beweisen - aber mir selbst. Nämlich, dass ich das tun kann, was mir dringlich erscheint. Dass ich vor mir selbst verantworten kann, wie ich handle - auch, wenn ich nicht-handle.

Montag, 7. Dezember 2015

This is Kenia.

Ich war auf dem Markt und habe vier Tomaten, eine Baumtomate, eine Orange, drei Maracuja zwei Avocados und 10 Okraschoten gekauft. Seit ich hier bin, esse ich fast jeden Tag eine Avocado. Wenn man sie kauft, muss man sagen, an welchem Tag sie reif sein sollen. Dann werden sie einem je nach Festigkeit ausgesucht. Eine für Montag, eine für Dienstag. Das bekannte Avocadoproblem ist gelöst.

Ich lerne viel. Wenn man im Stau steht, werden die Türen abgeschlossen. "It's our survival technique", sagt der Cab-driver. "Because its Nairobi?!", sage ich, sehr sicher, dass ich schon etwas dazugelernt habe. "This is Kenya, anything can happen!", sagt er. So viele haben gesagt: "pass auf dich auf", bevor ich gegangen bin. Mehr als in Pakistan. Aber meine Freundinnen wohnen hier schon so lange - was muss ich also tun? Immer ein bisschen aufpassen, dass ich nicht zu frei bin - aber auch nicht zu vorsichtig. Ballance ist nichts statisches, ist das hilfreichste, was mir dazu einfällt. Ich nehme den Bus. Ich bin irgendwo. Ich tanze viel. "Es sieht nicht so aus, als ob du erst seit acht Tagen hier wärst", sagen die Leute. Ich freu mich. Ja, ich will Kenia gar nicht verlassen. "Schau doch, was es kostet, den Flug zu verlängern. Ich zahl dir was dazu", sagt meine Freundin. So verrückt bin ich nicht. Ich habe einen guten Plan: Uni, Berlin, Uni. Wir tanzen weiter. Ich muss mich abgrenzen. Wie dankbar ich bin, dass ich in diesem Land sein kann, dass ich Freunde habe und dass ich reisen darf.

Ich habe viele tolle Musiker gesehen und bin mit verschiedenen Fahrzeugen gefahren. "You bring her home safely", sagt meine Freundin zum Boda-Boda guy, drückt ihm 200 Schilling in die Hand und lässt mich gehen. "Ya" sagt er, "ou" denke ich, setzte den zu großen Helm auf und versuche ihn unterm Kinn zuzumachen, während wir losfahren.

Freitag, 27. November 2015

Schon gezahlt?

Ich versuche, so unauffällig wie möglich zu sein. Mit meiner Gitarre, der Kapitänsmütze für Gigi und meinem Handgepäck, das gleichzeitig auch mein Reisegepäck ist.

„Schon gezahlt?“ Fragt eine autoritär anmutende Dame beim Check-in mit einem Kopfnicken gegen meine Gitarre. Sie befestigt ein rotes Band an meinem Rucksack. Ich schaue in eine andere Richtung und gehe weiter.

Die Hauptsache ist, dass die Gitarre nicht im Bauch des Flugzeugs landet, wo sie kaputtgeht. Es ist wie bei Meinfernbus: man muss Glück haben oder im richtigen Moment zur Seite schauen. Bei Eurolines zahlt man 10,- – und dann wird sie trotzdem irgendwohin gepackt, wo man nicht weiß, was passiert. Für Bolivien habe ich damals die Gitarre zuhause gelassen und schon nach einer Woche wieder eine neue gekauft.

Es ist immerhin nicht das erste Mal, dass ich mit Gitarre fliege. Es gibt keine Regel, aber es geht meistens so: Erst kommt der Check-in, wo man am besten ohne Fragenstellen (und gestellt bekommen) durchgeht. Falls doch Fragen kommen, kann man sagen: das geht normalerweise immer so. Dann kommt die Passkontrolle – kein Problem. Dann die Handgepäckskontrolle. Hier ist nur wichtig, dass die Gitarre auch eine Gitarre ist. Mit einem merkwürdigen Papierchen wird Sprengstoff an meinem Körper gesucht. Die letzte Hürde ist dann direkt beim Gate. Hier könnte die Besatzung noch sagen: Gitarre hier hin, Gitarre dort hin oder: Gitarre ganz weg. Aber das passiert nicht, wenn man sie an die Seite klemmt und so tut, als wäre sie ein Kleidungsstück. Das einzige Problem ist, dass man keine zwei Handgepäckstücke mitnehmen darf und ein rotes Band hat meine Gitarre schon gar nicht. Ich habe auch schon gehört: "You have to clear that with the person at the Ticket-counter". Ich nickte grinsend und ging weiter. Es wird einfach solange jemand anders zuständig gemacht, bis keiner mehr zuständig ist. Sobald man die Flugzeugtür betritt, muss man nur noch freundlich lächeln (die anderen haben mich ja schon durchgelassen) und die Gitarre schnell in den Fächern über den Sitzen verstauen (wenn da nicht schon die anderen riesigen Koffer der Sitznachbarn wären). Schuhe aus, auf den Sitz klettern, Rucksack rein, Gitarren drüber, fertig.

Während der Sicherheitsansagen höre ich den Rich Folks Hoax vom wunderbaren Rodriguez und rolle langsam raus aus Berlin. 15 Minuten sind es mit dem Bus von der Stockholmerstraße, ein paar Stunden nach Istanbul und dann ein Nachtflug nach Kenia. Im Morgengrauen bin ich da.

Schon gezahlt? Was denn?

Donnerstag, 26. November 2015

Zwischen Chiasamen und Chirimoya

(Nachtrag von Bolivien, 23. August 2015)

Was ist das alles? Was ist das, was ich esse, das, was ich sage? Früher war alles Neue spannend, enthielt Farben und Wunder. Jetzt ist es anders. Ich bin zaghafter geworden, mehr mit Vorurteilen und so. Hier gibt es unglaublich viele tolle Früchte, die ich gerne esse und ich liebe es, Unterhaltungen in Spanisch zu verstehen. Aber es ist nicht mehr wie damals mit Urdu, dass ich so neugierig bin, was das alles ist und heißt. Ich bin voll von meinem Leben in Berlin, habe mein Studium, meinen Praktikumsbericht, soo viele Länder, die ich gesehen habe, es ist, als wäre meine Festplatte voll.

Dabei gibt es hier so viel verschiedenes, so viel Neues, so viel entdecken - allein die Früchte. Ich habe gedacht, dass ich die meisten Früchte dieser Welt schon kenne. Es stellt sich heraus, dass ich die meisten Früchte der Welt noch nicht kenne. Ich probiere also alles, was meine Schwester zuhause hat und was wir auf dem Markt kaufen. Rafael liebt z.B. Chrimoya und ganz große Schoten, in denen Kerne sind, die wie von Zuckerwatte umhüllt werden. Es gibt Chiasamen in großen Mengen und gar nicht so teuer. Komisch ist nur, dass meine Schülerinnen und Schüler am Colegio Aleman kein Interesse daran haben, als ich beim Abschiedsfrühstück Chirimoya mitbringe. "Iiiih, das ist doch vom Markt". Wir essen also wieder Weißbrot mit Nutella. Vielleicht wegen der vollen Festplatten.

Freitag, 21. August 2015

Es kommt nicht auf die Höhe an

Es kommt nicht auf die Höhe an - das habe ich jetzt gelernt. La Paz ist ja schon auf 3800 Metern, aber wenn man oben in El Alto ankommt, hat man nicht das Gefühl, irgendetwas erreicht zu haben. Dann bin ich morgens auf einen Berg gestiegen in einer anderen Region, Coroico, und als ich nach 2 Stunden Klettern schließlich auf einem 2480 Meter Berg war, fühlte ich mich wie der König der Welt. Das waren nur ein paar hundert Meter nach oben, aber dadurch, dass ich selbst hochgestiegen bin, fühlte es sich richtig hoch an.

Also, hab ich mir gedacht, also kommt es ja gar nicht darauf an, wie hoch man ist, oder wieviel man kann, sondern wieviel man sich angestrengt hat - auch in Mathe :). So war ich also bei meinen Schülerinnen und Schülern und habe versucht zu sagen, dass es wunderbar ist, wenn sich jeder bis zum Abi um zwei drei Notenpunkte verbessert und dass es nicht darauf ankommt, überall eine Eins zu haben - sondern auf die eigenen Ziele. Selbst Studieren wäre nicht das allerwichtigste - es gibt sooo viele verschiedene Wege und Möglichkeiten. Kann man das hier sagen? Wo doch überall Bildung der Schlüssel zur Welt ist - aber welche Bildung?

Nach Knowmads, nach der Waldorfschule und nach allen Tagungen, die ich besucht habe, glaube ich immer mehr, ich müsste eine eigene Schule gründen, bevor ich Lehrerin werde. In dieser Schule würde man Tee trinken und über die eigenen Ziele und Erfahrungen sprechen. Man würde träumen und wünschen und am nächsten Tag schauen, wie man diese schöne Welt, die jeder innerlich hat, in die Realität umsetzen kann, wo die eigenen Fähigkeiten liegen und was der konkrete nächste Schritt ist. Weil jede Mühe sich lohnt.

Montag, 10. August 2015

La Paz

"That's it, baby", sagte eine überaus entspannte Dame von American Airways, als sie mein Ticket in Miami einscannte. Ich fühlte mich ungewöhnlich klein, freute mich aber, dass die lange Wartezeit am Umschlagbahnhof Nord-Südamerika vorbei war. Nach einem 18 stündigen Tag schlief ich ein, Kopf an Flugzeugfenster.

Im Landeflug auf La Paz zeichneten sich plötzlich riesige schwarze Berge gegen einen rotgestreiften Himmel ab. Ich wollte ein Photo machen, hatte aber kein Smartphone. Unter mir die Lichter. 'Egal wie kalt es dort unten ist, ich liebe diese Stadt jetzt schon', schoss es mir durch den Kopf.

La Paz ist ein Häusermeer - umsäumt von Bergen. Mein Schulweg beginnt morgens mit einstündiger Seilbahnfahrt durch die Stadt. Man sieht von oben auf die Häuser, die Gärten, Wellblechdächer dicht gebaut an Glas und Stacheldraht, Swimmingpools direkt neben steilen Abhängen in denen die Hunde nach Abfällen wühlen. Viele Hunde - auch nachts. Ansonsten ist die Stadt eher ruhig. Ich fühle mich sicherer als in Berlin. Wann immer die Leute 'buenas dias' oder 'buenas tardes' sagen, grüße ich herzlich zurück. Die Sprache will ich lernen, bis ich zurück bin! Alles geht etwas langsamer, ich atme öfter, mein Körper gewöhnt sich an die 4000 Meter Höhe. Mit der Sonne um die Wette bringt mich der Teleferico ins Tal. Wie bei allen Änderungen in Bolivien gab es auch hier große Proteste, als das neue Beförderungssystem eingeführt werden sollte. Ich weiß nicht, warum hier so wenig Touristen sind - so entspannt und freundlich wie die Leute sind - und so engagiert! 'Wenn ihnen etwas nicht passt, gibt es eine Straßenblokade, bis sie kriegen, was sie wollen', erklärt mir meine Schwester, die schon länger hier wohnt. Ist es, weil Peru und Chile das Meer bekommen (geholt) haben? Weil Argentinien und Brasilien größer sind? Weil es hier politisch eher ruhig ist? Ich weiß es nicht. Gerne würde ich länger bleiben und alles kennenlernen - es gibt ach gute Unis...

Aber erstmal ankommen und die leicht süßliche Luft atmen, die mich an Indien erinnert. Die Fahnen wehen sehen und den Hunden beim Bellen zuhören, den Sonnen Auf- und Untergang von La Paz bestaunen und rechtzeitig (um 7:50h) zur Schule kommen. Mit dem Teleferico von Doppelmayr und den vielen verschiedenen Menschen von La Paz, wo ich mich ungewöhnlich groß fühle.

Man sagt nach dem Zusammensitzen einfach 'danke'.

Mittwoch, 14. Januar 2015

Berlin Reinickendorf

Graumorgens, eine lange Straße, vorbei an Fabrikgebäuden. Es riecht süßlich bis dreckig. Ich hole ein Paket ab bei UPS. Eine Kaffeerästerei, Bartscherer, Denns. Mehr Bio für Berlin. Ein Auto saust an mir vorbei und biegt scharf links ab in die nächste Lieferstation. Alles scheint sehr routiniert. Tore gehen auf, Container rumpeln. Es erinnert mich an den Hamburger Hafen. Ich gehe weiter. Regen. Süßlich-beißender Geruch, ich halte mein Tuch vor die Nase. Als ich das Paket in den Händen halte, wähle ich einen anderen Weg zurück - wegen der Luft. Immer geradeaus gehts zum S-Bahnhof Alt-Reinikendorf. Nach einem gefühlten Kilomter endlich das Schild: 230m bis zur S-Bahn. Von hinten kein Zugang. Einsamkeit. Ein Mann sieht mich lange komisch an. Das ist nicht mein Berlin, denke ich. Ich komme mir vor wie in einer anderen Welt. Ich will zurück. Noch 2 Stationen bis in den Wedding. Zurück zu meinen Supermärkten. Ein paar Produkte will ich jetzt nicht mehr kaufen, nach dem Anblick dieser Riesenfabriken und ihrer stinkenden Luft! Wie lange noch, bis unser Planet verbrennt? Ich zerreisse mein durchgeweichtes UPS-Paket und finde darinnen die Visitenkarten, die ich vor zwei Wochen bestellt hab. Ich frage mich, wielange mein Vorsatz mit den Lebensmitteln noch hält und ob ich überhaupt das Richtige tue auf dieser Welt. Auf der Rückseite der Karten steht klein geschrieben: Out beyond Ideas of wrongdoing and rightdoing there's a field... I'll meet you there. (Rumi)

Mittwoch, 10. September 2014

Ayran ist das neue Lassi

Eine gute Freundin von mir hat einen Freund, der Arbeit in Berlin gesucht hat und angeboten bekam, für ca. 2,50.- die Stunde beim Döner zu helfen. "Berlin ist knallhart", sage ich kopfschüttelnd. Wir grinsen uns an und ich schlürfe verlegen meinen Latte Macciato. Soviel gebe ich aus in einer Stunde. Und dann die Krankenversicherung... Hamburg oder Berlin, Hamburg oder Berlin - wie soll man diese Wahl treffen? 2,50.-, das würde in Hamburg nicht passieren. 10.- sind da das mindeste. Andererseits kosten Kaffee und Bier 3,30 statt 2,20. Ich sollte mich fragen, was mir wirklich wichtig ist, sagt meine Freundin, und nicht mit den kleinen Dingen anfangen. Es ist wie die Aufgabe ein Glas mit verschiedenen Kugeln zu füllen: Erst kommen die großen Kugeln, dann der Sand. Ich denke über den Sand nach... Der rieselt aber schon von alleine - was sind die großen Dinge? Die, die ich wirklich machen will? Lieder? Nein. Ich selbst sein - hinter den Liedern. Atmen. Natur. Das geht in Hamburg besser, aber Berlin... Ich geh nochmal nach drinnen zum Tanzen. Es geht mir zu schnell! Alles geht mir zu schnell. Ich kriege den Rythmus meines Parners nicht rein - das passiert mir sonst nie. Wir gehen. Auf dem Heimweg finde ich noch ein Lachmachun für 70 cent. Mit Salat? Ich überlege. Wieviel ist es mit Salat? Für Dich 1,-. Er grinst. Es ist spät. Ich schaue auf die Tafel: Lachmacun mit Salat 1,50.-, in rotgelben Lettern. Wie lange musst Du arbeiten? Bis acht. Was? Immer von elf bis acht. Ouuu, das ist schwer, sage ich mitleidsvoll. Ja, bis drei kommen die Gäste, dann mach ich Salat. Ich denke an die 2,50.- von vorhin und überlege, ob hier der Richtige den richtigen Rabatt gibt. Und Du? Fragt er. Och, Tanzen, zur Uni gehen, ein leichtes Leben eigentlich, sage ich, und wunder mich, dass ichs mir selber so schwer mache. Im Kühlregal steht Ayran, jetzt mit Mango, 1.-. Ich nehme 2. Immerhin etwas. Nein, keine Tüte. Ich stecke die Lassis in meinen Pullover und grinse ihn an, als ich gehe. Im Fenster schaut er mir nach. 2,50.-. Zuhause lege ich meiner Freundin einen Zettel auf den Tisch: Danke dass ich hiersein konnte und bis bald. P.S. Ayran ist das neue Lassi. Dann geh ich schlafen. Meine Engel fragend, ob ich nach Hamburg oder Berlin ziehen soll und was eigentlich die großen Kugeln des Lebens sind.

Donnerstag, 12. April 2012

Meine letzten 10 Rupees

Schnelle glatte Straßen, leichte verständliche Unterhaltungen, Obst und Gemüse. Ich bin wieder daheim. Und Berlin fühlt sich schon wie ein Zuhause an. Nur bin ich mir nicht sicher, wie ich eigentlich war, als ich gegangen bin, welche Maria die Leute kennen. Es ist viel schwieriger, zurückzukommen, als zu gehen. Mein Kopf ist noch voller Bilder von Indien, mein Herz noch in den Bergen Nordpakistans. Wo war das Pferd, mit dem Zo kommen und mich davon abhalten sollte in den Flieger zu steigen? Als niemand kam, drückte ich dem Taxifahrer mein letztes Geld in die Hand. Ich hatte 10 Rupees zu wenig und er gab mir 10 zurück - als Erinnerung. Dann fragte er nach meiner Nummer. Ich habe keine Nummer. Ich habe nur ein Lied in den Ohren. Ein Lied, das mich an Hunza erinnert. Mir kommt dieser Ort plötzlich so fern und märchenhaft vor und ich kann meine eigene Geschichte nicht ganz glauben. Das Gepäck ist abgegeben, das Flugticket in meiner Hand - ein Fensterplatz immerhin. Ich checke ein und reise aus. Je näher ich Deutschland komme, desto verwunderter bin ich. Es sieht alles danach aus, als würde ich wirklich heimgehen, denke ich beim Umsteigen in Istanbul. Und jetzt, wo ich tatsächlich da bin, verstehe ich es noch weniger. Was mache ich hier? Wieso spricht keiner mehr Urdu? Wieso guckt mich keiner an? Ach so, weil ich aussehe, wie alle anderen auch. Hier gehöre ich anscheinend hin. Also gehe ich wieder in die Uni, bereite meine Bachelorarbeit vor und versuche die Reise so gut es geht bei mir zu behalten. Heute war ich dafür in einem Kurs über Frauen in Pakistan. Das ist wie das Buch zum Film, die Theorie zur Praxis. Gleichzeitig lese ich Nachrichten über Gilgit: 14 Tote letzte Woche und Ausgehverbot über der ganzen Stadt. 120 Ausländer wurden ausgeflogen, darunter 2 Deutsche, vielleicht weiß ich auch wer. Es ist nicht nur, dass die Nachrichten ein schlechtes Bild von Pakistan zeichnen - es passieren tatsächlich schlechte Dinge dort. Das tut mir so leid für die Leute. Sie sagten mir, sie warten nur auf friedliche Zeiten - aber es geht immer weiter. Zum Glück habe ich davon außer der angespannten Situation in Gilgit nichts mitbekommen. Mein Bild von Pakistan ist immernoch das blühende Hunzatal, die unzähligen Essenseinladungen, das Urdu, die Unbeschwertheit, das ständige Willkommenheißen und das viele Lachen. Den Lonely Planet, meinen Reiseführer, habe ich lediglich gebraucht, um nachzuschlagen, wo ich überall war. Der Rest war Pakistanische (/Indische) Gastfreundschaft und Herzlichkeit.

Dienstag, 3. April 2012

Dilli

Auf der einen Seite warten Lasterweise Steine, auf der anderen Hühnerfutter. Drei Schritte hinter der Grenze spreche ich ploetzlich wieder Hindi - obwohl sich nichts veraendert hat. Ich muss nur "Assalamu'alaikum" durch "Namaste" und "shukriya" mit "dhuniavat" ersetzen, schon bekomme ich das bekannte "you speak Hindi very well" als Antwort. Diese beiden Länder... Ich habe Lativ vorher tschüss gesagt und den ganzen Officers mit ihren neugierigen aber immernoch scheuen Blicken. Meine bisher größte Sorge, der doppelte Eintritt nach Indien war kein Problem. Stempel hier, Stempel da, fertig. Jetzt bin ich drüben und werde wieder ganz offensiv angequatscht. Madam you like? 50 Rupees - only for you! Ich vermisse Pakistan auf einmal. Aber ich sehe auch wieder Frauen auf der Strasse - autofahren und Roller. Ein Mädchen fährt Fahrrad und ich bin ein bisschen stolz auf sie. Man muss dazusagen, dass die sportlichste Frau, die ich in Pakistan getroffen habe (eine echte Sportlehrerin), sich nicht getraut hat, draußen Fahrrad zu fahren, weil keine Frau das macht und sie meint, die Maenner wuerden sie anhalten. Nach all diesen Erlebnissen ist es eine echte Freude fuer mich, all die huebschen kecken Maedels da draußen zu sehen. Ein ganzes Drittel der Delhi'schen Metro ist fuer Frauen reserviert. Ach ja, Ubahnfahren in Delhi! Hier ist die versprochene Geschichte:

Ersteinmal werden wie auf dem Flughafen alle Leute abgetastet und die Handtaschen durchleuchtet. Dann gelangt man mit einem coolen Kartensystem auf den Bahnsteig, wo die Leute schon in kleinen Schlangen anstehen, fuer die naechste Bahn. Völlig ordentlich, könnte man meinen. Doch kaum dass der Zug hält, löst sich die ganze Ordnung auf und man muss seine Ellebogen einsetzen, um einen Weg in die Bahn zu finden. Dort sind dann im Handumdrehen alle Plätze besetzt. Wenn jemand aufsteht, sitzt im selben Moment schon jemand anderes da, der anscheinend auf genau diesen Platz gewartet hat. Doch weil ich Frau bin und oft die einzige Bleiche im Zug, werden mir staendig die sonst so begehrten Plaetze angeboten. Ich stehe aber gerne. Dann muss ich nur aufpassen, dass mir die Maenner nicht zu sehr auf die Pelle ruecken, was in Indien öfter mal passiert. Deshalb geh ich lieber ins Frauen Abteil. Dort sind die Sitze ausdrücklich fuer Alte, Frauen und Behinderte reserviert. Eine nette Gruppe. Schilder und Lautsprecheransagen weisen darauf hin, nicht auf dem Boden zu sitzen, nicht zu spucken und verdaechtige Gegenstaende wie Brieftaschen, Thermoskannen und Spielsachen nicht anzufassen, weil es Bomben sein koennten. Beim Aussteigen stehen dann rechts und links zwei Officer, die Acht geben, dass die einsteigenden Maenner den Frauen genug Platz zum Aussteigen lassen, bevor das Gedränge und Platzgesuche wieder von vorne losgeht.

Ich bin also wieder in Delhi, rechtzeitig einen Tag vor meinem Abflug. Da ist wieder der Balkon, da ist die suesse Luft und da sind wieder die lauten Fahrradverkaufer. Ein Franzose hat mich von der Grenze bis hierher mitgenommen und mein Sprachenhirn hat sich gewunden vor Qual, als ich vergeblich versucht habe, französisch zu sprechen. Gerade war ich in Urdu so weit, dass ich auch Randunterhaltungen mitbekommen konnte, aber wielange hält das an? Kann man immer nur zwei Sprachen auf einmal, oder drei? Ich will auf jedenfall weiterlernen! Nach einem etwas sang- und klanglosen Geburtstag in Pakistan bin ich ploetzlich 25 geworden. Da macht sich ein Maedchen Gedanken, wuerde Helly sagen. In meinen Emails habe ich dafür ganz brauchbare Wünsche gefunden, darunter: "tütenweise frische Neugier", "intensive Begegnungen" und "das kleine Glueck am Strassenrand". Ich freu mich auf Zuhause, auf Obst und Gemuese, unfrittiertes Essen, Sommeranfang und darauf, mit Männern wieder sprechen zu können, ohne darueber nachdenken zu müssen, ob wir nicht vielleicht bald heiraten sollten.

Sonntag, 1. April 2012

Shopping-wopping

Wie ein kleines Voegelchen erschien das Flugzeug ploetzlich zwischen den Bergen, flog ein zwei Schleifen und setzte sich auf der kurzen Landebahn von Gilgit nieder. Ich stand zuvor im Rosengarten und fragte den Officer voller Erwartung: "Von wo wird es kommen, kann man es sehen?", "Es kommt von dort, aber es ist schwer zu sehen!", "Warum?", "Weil es nur 2 mal im Monat fliegt, haha". Awawa. Awawa ist Burushewski und heisst so viel wie "ja ja", oder "sicherlich" und wird sorgsam in jede Konversation eingestreut. Genauso wie chai-shai, pani-wani oder shopping-wopping. Das ist grossartig: man kann an jedes Wort eine Wiederholung mit m, w oder sh anhaengen und macht dadurch die ganze Unterhaltung fluessiger und niedlicher. So als wuerden wir staendig Tuete-shuete und Muetze-wuetze sagen. Zum Glueck wird auch in den Bergen Urdu gesprochen. Ueberhaupt ist in den Bergen alles in Ordnung - zumindest hinter Gilgit. Gilgit war durch den Streik und die vielen Waffen etwas ungemuetlich geworden und ich war froh, als das Flugzeug an diesem dritten Morgen endlich anzwitscherte. Auch wenn ich mich dafuer von Zohaib verabschieden musste. Doch auf den Strassen Gilgits kann man sich ohnehin nicht groß verabschieden und so fand ich mich im Handumdrehen wieder auf meinem linken Fensterplatz, auf den ich so lange gewartet hatte. Und dann wusste ich, warum das alles so wetterabhaengig gemacht wird: vor der Landebahn ist eine Felswand. Das Flugzeug, das ohnehin schon winzig ist, muss superschnell beschleunigen und flitzt wie ein abgeschossener Pfeil los. Sogleich wird gewendet und am Berg entlang aus dem Tal geflogen. Dann kommen die hohen Schneelandschaften und wir sind auf Augenhoehe mit den 7000ern. Eis, soweit mein Auge sieht. Hier koennte man wie wild snowboarden! Nur ein Berg steht ueber allen wie ein Koenig - das muss Nanga sein. Ich will zurueck und noch einmal vorbeifliegen. Aber schon fliegen wir ueber Felder und Doerfer und setzen zum Landen in Islamabad an. Ein Bus bringt mich nach Lahore, ich bin wieder im lachenden Punjab, im Altstadtgewimmel, 2 Naechte im Regal-Inn mit Miri und schliesslich zurueck in Roshni um auch hier auf Wiedersehen zu sagen.

Donnerstag, 29. März 2012

Rueckfahrt

Jetzt werden die Heimatfaeden wieder gesponnen. Ich lese mails von meiner Familie und von Berlin und erinner mich nach 2 Monaten Versenkung, dass ich einen Rueckflug zu nehmen habe. Ich muss in 7 Tagen von Hunza nach Delhi kommen. Ein Tag davon ist gegangen, weil ich im Datum falsch war. Zwei weitere, weil ich von Gilgit nicht loskomme. Einen Flug von hier nach Islamabad zu bekommen, ist in etwa so schwierig, wie den Hinflug zu kriegen (was wir letzten Endes nicht geschafft haben). Heute morgen hatte ich schon einige Huerden genommen: Der Flughafen war nicht geschlossen, ich stand auf der Gaesteliste, hatte einen confirmed seat (mit linkem Fensterplatz fuer den Nanga Prabat). Dann das Wichtigste: Das Flugzeug, das uns sozusagen abholt, verlaesst Islamabad. Alle warten, alle sind gespannt. Doch ploetzlich hoere ich um mich herum Telephonklingeln und das mir so ungeliebte Wort "wapes" (zurueck) faellt. schliesslich frage ich nach. Und wirklich: das Flugzeug ist umgekehrt. Das ist naemlich die letzte Huerde: Das Wetter am Nanga Prabat. Wenn nicht die ganze Bergkette zu sehen ist, dreht das Flugzeug einfach wieder um und holt gar niemanden ab. "Was machen wir jetzt?" Frage ich einen Officer am Flughafen. "Zigarett pio, enjoy karo", sagt er und bietet mir lachend eine Zigarette an. Was soll ich denn jetzt bitte enjoyen? Aber er hat Recht: Die Sonne scheint, um mich rum sind nur nette Leute und ich werde sogar zurueck zum Guesthouse gebracht. In Gilgit ist Streik und die Strassen sind voll von Polizei. So kommt es also, dass ich wieder hier sitze und Zeit zum Schreiben habe.

Es gibt naemlich (ausser der versprochenen U-Bahnfahrt in Delhi) noch eine Sache, die ich aufgeschoben hatte, weil das Thema so schwierig ist. Die Lehrerinnen und Sarwar haben ihr Visum nicht bekommen. Es ist deswegen schwierig, weil keiner hier ein Visum bekommt. Auch nicht mit Invitation und Insurance und care of all costs. Beinahe jeder hat so eine Geschichte zu erzaehlen. Ich moechte mich irgendwie fuer Deutschland entschuldigen. Selbst wenn ich mir vorstelle, dass jemand ein Visum bekaeme, habe ich kein gutes Gefuehl im Bauch, weil ich weiss, dass er dort nicht so sehr als Gast empfangen sein wird, wie ich es hier bin. Ich habe dieser Tage so viele Tees getrunken, dass ich schon eine kleine Unvertraeglichkeit habe im Magen. Ich wurde so oft zum Essen eingeladen und zu Rikschafahrten, zu Familien und zu Hochzeiten, dass ich gar nicht mehr weiss wohin mit meiner Freude. Fuer mich ist auch Deutschland wunderbar, und ich weiss, dass alle Menschen, die ich dort kenne nicht so komisch und unfreundlich sind. Und doch... Und doch habe ich dieses Bild im Kopf, dass jemand aus Pakistan ankommt und keiner ihm weiterhelfen, geschweigedenn zu irgendetwas einladen wird (ohne ihn zu kennen). Das ist also, wie ich meine Faeden spinne, ich denke zurueck, ich vergleiche, versuche Sachen zu verstehen und freue mich dabei schon sehr auf Zuhause - Wenn ich nur ersteinmal aus diesen verrueckten Bergen herausgekommen bin...

Montag, 26. März 2012

Als das Wasser kam

Weit hinter Gilgit, hinter dem Killing und den Kirschblueten, hinter dem friedlichen Karimabad, von dort ca. zwei Stunden weiter richtung China, fuehrt der Karakoam Highway ins Wasser. Dort liegt der 21 km lange Attabad-See. Still und bergblau, als waere nichts gewesen. Aber dieser See ist eine Katastrophe. Er hat sich infolge eines grossen Erdrutsches aufgestaut und versperrt das Tal seit nunmehr zwei Jahren. Der ganze Ueberlandverkehr zwischen China und Pakistan muss das Wasser ueberwinden, d.h. von den Trucks auf Schiffe und von Schiffen wieder auf Trucks verladen werden. Fuer Hunza ist deshalb eine Teilreisewarnung ausgesprochen, weil der Damm jederzeit brechen und der See sich ins Tal ergiessen kann. Reisewarnung heisst, dass meine Versicherung nicht mehr gilt. Bin ich bei einer Teilreisewarnung halb-versichert? Doch als ich den See sehe, denke ich nicht mehr daran. “Mashallah!” (Wunder Gottes!), entfaehrt es mir und ich beiss mir zugleich auf die Zunge. “Mashallah is not quite the right word, Maria, in diesem See liegen Doerfer begraben – die Menschen hier haben alles verloren!”, murmelt Zo. Ich weiss. Das ist keine Touristenbootsfahrt fuer kleine Maedchen, das ist das harte taegliche Brot der Menschen, die auf der anderen Seite des Sees leben und auf Gueter von China (dessen Grenze Winterbedingt gesperrt ist) und Gilgit angewiesen sind. Der KKH, der von hier an unter Wasser verlauft, hat alles so einfach gemacht. Natuerlich sind Pakistanis den Chinesen, den Erbauern, dankbar. Und natuerlich versuchen letztere alles, um die Strasse wieder in Gang zu bringen. Denn das ist zugleich der Zugang zum Indichen Ozean. Aber die Sprengungen hatten bisher nur geringen Erfolg, das Wasser ist 3 Meter gesunken, einige zerstoerte Haeuser sind wieder zum Vorschein gekommen – unbewohnbar. Ich staune also etwas leiser, als wir uns und die Waren ins Schiff verfrachten. Nach knapp zwei Stunden windiger Felsfahrt steigen wir in Gulmit aus. Hier ist es noch stiller als in lower-Hunza. Die Jumma Khana (Versammlungsort der Ismaelis) kennt keine Lautsprecher. Allein, neben mir hoere ich das wohlbakannte schuechterne “How ar ju” eines kleinen Maedchens. Ich antworte wie ueblich mit Englisch und Urdu, um zu sehen, auf welcher Sprache wir uns unterhalten. Urdu. Als wir das Dorf durchqueren und hinunter zum See kommen, versinken meine Schritte langsam im Schlamm. “Hier stand unser Haus”, Sagt Hina, mein Maedchen, und deutet auf einen leeren Platz in der grauen Landschaft. “Als das Wasser kam, mussten wir alles nehmen und gehen. Jetzt haben wir ein neues Haus, weiter oben.”. Wir drehen uns um. Ich gehe zurueck in mein leeres Hotel, sie weiter zu ihrer Tante.

Kurze Zeit spaeter hoere ich von draussen ein Stimmchen: “Maria!”, Maria? Ich unterbreche mein Kerzenscheingeschreibe. “Eik Minute!”, schnell schluepfe ich in meine Schuhe und folge Hina, die am Tor auf mich wartet, den Hang hinauf. Folgen ist, was ich auf Reisen gelernt habe. Gefuehlen, Intuitionen, kleinen Maedchen. Aber was ist das? Sie nimmt mich mit zur Jammad Khanaa. “Nein, nein, das geht nicht”, sage ich, und lasse ihre Hand los. Zo hatte mir eingeschaerft, dass dieser Ort wirklich nur fuer Ismaelis ist, wegen der vielen religioesen Konflikte im Land. “Warum nicht?” “Ich... Ich bin nicht allowed, verstehst Du?” “Doch doch, komm mit!”, “Das ist nur fuer euch, fuer Ismaelis.” Eine Cousine nickt wie zur Bestaetigung und will die kleine Hina mitnehmen. Aber sie will mich nicht gehen lassen. “Bitte komm!” “Nein nein, ich kann nicht. Mach Dir keine Sorgen. Na los, geh schon, geh!” Traurig dreht sie sich um, winkt mir noch einmal good bye und folgt dann den anderen Frauen zum Gebet. “Gott ist eins”, sagt mir ein alter Mann, als ich ihn auf dem Heimweg nach den Regeln der Jammad Khanaa frage. “Wenn wir vorher zum Immam gehen, darfst Du sicher hinein.” Aber ich will das Dorf auch nicht durcheinanderbringen. Fuer die Erwachsenen sind die Gesetze wichtiger als fuer Kinder, sie wissen besser als Hina, warum wir nicht zusammen beten koennen. Der Alte erzaehlt derweil von seinem Leben in Holland und wir haben wunderbare fuenf Minuten ueber die ganze Welt zu sprechen. Dann schultert er wieder seine Schaufel und macht sich auf den Weg nachhause – auch er hat ein neues Haus weiter oben. 30 Minuten von hier, jeden Tag. Aber dann faellt sein faltiges Gesicht in ein verschmitztes Lachen: “Das ist gesund, das haelt mich fit!” und erklaert mir mit dieser Einstellung ein altes Raetsel, wie in aller Welt diese Menschen mit ihren Schicksalen doch so aufgeweckt-froehliche Gesichter haben koennen.

Donnerstag, 22. März 2012

Fruehlingsanfang

Hatte Zo nicht gesagt, er wolle hier den Fruehling kommen sehen? Am Abend des 20. Maerz kommen wir in Hunza an. Die Fahrt war nicht leicht und vielleicht hatte Zo Recht: Hunza is not for everyone – you have to achieve it. Selbst das letzte Stueck, von Gilgit nach Karimabad, war von zwei Steinlawinen unterbrochen, sodass wir streckenweise laufen mussten um dann einen neuen Bus zu nehmen. Aber die Leute hier werden spuerbar freundlicher und lockerer. Bis 2001 war das Hunzatal ein von Touristen gepraegter Ort. Ettliche Guesthouseschilder, Laeden mit Bergsteigerausruestung, ein franzoesisches Cafe und englischsprechende Einheimische weisen darauf hin. Wieauchimmer, jetzt bin ich der einzige Gast im Old Hunza Inn. Wir treffen noch zwei Japaner auf dem Weg, das wars. Die Laeden sind geschlossen, die Zimmer leer. Dabei ist dieser Ort mit das Schoenste, was ich bisher gesehen habe in meinem Leben.

Wenn ich aufwache, sehe ich den tuerkisgrauen Hunzariver (der spaeter in den Indus muendet), das Dorf, buntgekleidete Frauen, Kinder, die wie wild ueberall herumrennen und ueber allem die grossen Berge. Am bekanntesten ist hier der Rakaposhi mit seinen 7788 Metern, der wie zum greifen nah scheint. Die drei gewaltigen Gebirgszuege Himalaya, Karakoam und Hindukush treffen aufeinander. Ich fuehle mich wie im Herzen von allem und der KKH hat sich seinen Weg dorthin als eine Ader gebahnt. Bis auf den Fluss, die Kinder und fuenfmal am Tag den Gebetsruf ist alles still. Hunza ist fuer seinen Frieden bekannt. Jetzt kann der Fruehling beginnen. Die ersten Mandelbaeume bluehen schon bei den vielen Steinmaeuerchen, Blaumeisen und andere Voegel, die ich nicht kenne, piepsen darin und die Sonne laesst alles um mich herum in hellem Weiss erstrahlen.